L99, Osnabrück
Am 30. November 2025 in Deutschland | 72 Aufrufe
Die bewusste Entscheidung weg von den Sternen hin zu Konzepten, die vermeintlich einfacher und zugänglicher sind, kann man mittlerweile häufiger beobachten. In den meisten Fällen dürfte dies wirtschaftlichen Gründen zuzuschreiben sein, denn mit einem reinen Fine Dining Angebot, meistens auch noch gepaart mit festgelegtem Menü lässt sich schwer Geld verdienen. Erst recht nicht, wenn ein Restaurant nicht jeden Abend ausgebucht ist.
Ob dies auch die Beweggründe für Lars Keiling und Gina Duesmann waren, von ihrem mit einem Michelinstern ausgezeichneten „Friedrich“ nun unter neuem Namen auf ein Sharingkonzept mit Weinbar zu setzen, kann ich nicht sagen. Aber mit dem „L 99“, benannt nach der Adresse des Restaurants, verfolgt man auf jeden Fall einen deutlich lockereren Ansatz, der Gästen alle Freiheiten beim Bestellen erlaubt und neben einer umfangreichen Weinkarte mit rund 50 Weinen zum Selbstbedienen an speziellen Zapfanlagen für unkomplizierten Trinkgenuss sorgt.
Das „L 99“ teilt sich auf mehrere Bereiche auf, in denen man entweder an Hochtischen oder im oberen Bereich auch an normalen Tischen sitzen kann.
Doch bevor wir Platz nehmen, machen wir noch einen kleinen Ausflug in die Vergangenheit. Lars Keiling und Gina Duesmann betrieben von 2009 bis 2019 in Bad Bentheim das „Keilings“, das seit 2018 sogar mit zwei Michelinsternen dekoriert war. Auch damals gab es neben dem Fine Dining-Restaurant, in dem mit erheblichem Aufwand gekocht wurde, bereits einen Bistrobereich, in dem es ein abgespecktes Programm gab, das man in dieser Kleinstadt in dem abgelegenen Teil Niedersachsens und nahe der holländischen Grenze vermutlich auch gebraucht hat, um über die Runden zu kommen.
Nun also in Osnabrück der endgültige Abschied von den Sternen und ein Konzept, das eine Karte mit Snacks (6-9€), kalten und warmen Gerichten in kleineren Portionen (ca. 15-19€), Käse (13/19€) und Desserts (ca. 8-9€) bietet. Das kann man alles am Stück oder nacheinander bestellen, je nachdem man wann worauf Lust hat. Es bleibt dem Gast überlassen. Das erinnert mich zwangsläufig natürlich an die Kölner „Henne Weinbar“, die nach einem gleichen Prinzip funktioniert, wenngleich zu etwas niedrigeren Preisen. Beiden gleich ist der kreative Ansatz, der viele Gerichte auszeichnet.
Aus der Snack-Abteilung starten wir mit großen Oliven, die das sind, was sie sind. Nicht mehr und nicht weniger.
Auch die folgenden drei Gerichte sind aus dieser Abteilung. Die Sushi mit Lachs und Yuzu sind handwerklich gut gearbeitet mit sehr guter Lachsqualität und mit Wasabi-Nüssen schön arrangiert, die mit ihrer Schärfe zudem den passenden Pfiff geben.
Kürbissuppe kann ja häufig relativ langweilig sein und braucht in der Regel schon eine kräftige Würze. Unter dem Kokosschaum kann diese Version das durchaus bieten und ist erstaunlich aromatisch. Der Dim Sum mit Gänseklein als Einlage unterstützt diesen Charakter gekonnt.
Gespannt bin ich auf die Praline vom Zicklein. Sie ist mir eine Spur zu fest und nicht so prägnant wie erwartet. Zusammen mit dem indisch inspirierten Kichererbsenpüree, das durch die Joghurtschaumtupfen säuerlich-frische Akzente erhält, ergibt das aber dennoch eine angenehm exotische Kombination.
Das handgeschnittene Rindertatar ist verhältnismäßig zurückhaltend gewürzt, bekommt aber mit den Topinamburchips, Senfkörnern und Haselnüssen aromatische und texturelle Mitspieler, die hier sehr hilfreich sind. Das grüne Püree als Unterlage bleibt etwas undefinierbar. Mein Mann ist mit seiner Wahl aber durchaus zufrieden.
Ich entscheide mich für die leicht gebeizte Ike Jime Forelle, die in kleinen Stücken jeweils in ein Shisoblatt gefüllt ist, was zusammen mit dem Radieschen für eine angenehme Schärfe sorgt.
Wir sind mit Freunden hier, so dass ich auch hier und da eine Gabel probieren kann. Zur blauen Garnele aus Niedersachsen gibt es Quinoa, der nicht zu trocken gerät und einen guten Biss aufweist. Avocadocreme, Krabbenchips, erneut Sprossen und eine leicht säuerliche Sauce, vermutlich auf Basis von Buttermilch, mit Würzöl runden das Gericht ab. Stimmig und gut.
Ziemlich klassisch wird es mit der Gänseleberpaté, ähnlich einer schnittfesten, kompakten Mousse, und recht pur gehalten, so dass hier Gewürze den Lebergeschmack nicht überdecken. Zusammen mit dem Quittenkompott und der angerösteten Brioche ist das sehr traditionell. Mir fehlt allerdings etwas Tiefe in der Paté.
Vom Knollensellerie mit Briocheknödel und Apfelkompott probiere ich nur etwas von der kräftigen Sauce, die einen wunderbaren fleischigen Charakter hat. Unser Freund ist mit diesem vegetarischen Gang mehr als zufrieden.
Sehr überzeugend gerät die kross ausgebackene Spanferkelpraline mit fein gepökeltem Fleisch auf knackigem Spitzkohl in einer Sauerkrautdashi, die eine feine Säurestruktur aufweist.
Aus der Dessertabteilung entscheiden wir uns am Tisch zum einen für das „L 99“-Magnum, ein Vanilleeis ummantelt mit geröstetem schwarzem Sesam. Zusammen mit Creme und Gel von Ingwerbirnen ergibt das einen schönen exotischen Touch.
Sehr gut auch die Zitronentarte mit Eis von weißer Schokolade und Miso. Das ist schön säuerlich, erfrischend und auch mit einem dezent exotischen Einfluss. Nicht mein Teller, aber ich durfte probieren.
Obwohl eigentlich kein großer Freund von Bratapfel entscheide ich mich für die Praline von ebendiesem. Das Apfelaroma ist da, aber nicht zu vordergründig. Sehr gut dazu passen das Mandel-Nougat-Eis und die Marzipansabayon. Schokoladencreme, Crumble und Granatapfel für den frischen, säuerlichen Kick runden das sehr abwechslungsreiche Dessert ab, das mir sehr gut gefällt.
Für einen Sonntagmittag, so wie in unserem Fall, oder an einem Abend ist das unkomplizierte Konzept, dass man bestellen kann, wie man lustig ist, ungemein gesellig. Dass Lars Keiling automatisch schlechter kochen würde, nur weil man sich nicht mehr zwingend nach Sternen streckt, war eh nicht anzunehmen. Und so ist das, was hier auf dem Teller landet, nicht nur handwerklich tadellos, sondern einfallsreich und ansprechend präsentiert. Stilistisch ist das nicht festgelegt. Mal fallen die Gerichte eher klassisch aus, dann wieder mit asiatischen Einflüssen oder eben crossover modern. So findet sich für jede und jeden etwas auf der bunt zusammengestellten Karte.
Für diejenigen, die eine Flasche den zahlreichen offenen Weinen vorziehen, hält Gina Duesmann eine umfangreiche separate Karte bereit und kann, wie auch schon seinerzeit in Bad Bentheim höchst kompetent mit Rat zur Seite stehen.
Die „Henne Weinbar“ ist in Köln eines unserer absoluten Lieblingsrestaurants und würde ich in Osnabrück wohnen, hätte das „L 99“ alle Zutaten dazu. Aber solange sind wir auf die Deutsche Bahn angewiesen und die hat uns sowohl bei Hin- wie Rückfahrt mal wieder alles geboten, was den fabelhaften Ruf des Unternehmens ausmacht. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Details
| Restaurant: | L99 |
| Adresse: | Lotter Straße 99, 49078 Osnabrück |
| Öffnungszeiten: | Mittwoch + Donnerstag: 17.30 - 23.00 Uhr Freitag + Samstag: 17.30 - 24.00 Uhr Sonntag: 12.00 - 17.00 Uhr Montag + Dienstag: Ruhetag |
| Website: | www.l99.de/ |
Schlagworte
Bistronomie, Gina Duesmann, kreativ, L99, Lars Keiling, Osnabrück, Sharing, Weinlokal
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