Schorse, Hannover
Am 12. März 2026 in Deutschland | 351 Aufrufe
Dass sich in Hannover kulinarisch seit einiger Zeit eine Menge getan, immerhin kann die Stadt vier Restaurants mit insgesamt sechs Sternen vorweisen, hat sich mittlerweile rumgesprochen. Selbst der „Feinschmecker“ hat der Landeshauptstadt eine größere Story gewidmet.
Aber auch unterhalb der Sterne gibt es zahlreiche lohnende Adressen. Und eine davon ist das „Schorse“, das sich die Räumlichkeiten im Leineschloss, dem Gebäude des niedersächsischen Landtags, mit dem zweifach besternten „Votum“ teilt.
Während Gästen dort kreative Gerichte mit avantgardistischem Touch serviert werden, bedient Maik Neumann im „Schorse“ das Publikum mit französischen Klassikern – und das bereits seit drei Jahren und offenbar mit gutem Erfolg. Dass das Konzept gut angenommen wird, hat mehrere Gründe. Zum einen ist es zweifellos die Qualität der Küche, denn Maik Neumann gibt den traditionellen Gerichten häufig einen modernen Twist mit, die sie deutlich über den Durchschnitt heben. Und zum anderen ist Luise Volkert als Sommelière und Restaurantleiterin Garantin für einen sehr zugewandten und gästeorientierten Service. Ihr Team agiert jedenfalls ausnehmend freundlich und aufmerksam. Auch die Weinkarte, die mittlerweile nach Rebsorten sortiert ist, hat mit ihr deutlich an Umfang und Profil gewonnen.
Wir beschränken uns heute auf Vor- und Hauptspeise, nicht, weil die Karte nicht mehr Interessantes zu bieten hätte, sondern weil wir uns heute ein Doppelprogramm vorgenommen haben. Doch dazu an anderer Stelle mehr.
Ein paar Austern gönnen wir uns aber vorab dennoch. Die sind von sehr guter, fleischiger Qualität und kommen ganz klassisch pur, mit Zitrone, Pumpernickel-Chesterbrot und einer Schalottenvinaigrette. Im Vergleich zu ihren üblichen Vertretern, die häufig extrem essiglastig und spitz den feinen Austerngeschmack überdecken, ist diese hier deutlich milder und etwas cremiger, was mir deutlich besser gefällt.
Vom Servierwagen wählen wir als Vorspeise Tatar, wobei man zwischen Rind, Lachs oder beidem entscheiden kann. Für uns soll es Rind sein. Das vorbereitete Fleisch wird auf gerösteter Brioche serviert und dann mit diversen Beilagen nach eigenem Gusto vollendet. Zur Wahl stehen Trüffel- oder Estragonmayonnaise, Kapern, hausgemachte Röstzwiebeln, Kaper/Sardelle, Belper Knolle, frischer schwarzer Trüffel, gehobeltes Eigelb, Tabasco und natürlich Pfeffer. So ergibt sich ein würziges und leckeres Geschmacksbild, das mir mit einer etwas cremigeren Konsistenz noch besser gefallen hätte.
Sehr überzeugend gerät die Pissaladière in Form von zwei Blätterteigtalern, die wie ein Törtchen belegt sind mit geschmorter Aubergine, getrockneter Tomate und weichen Zucchini als Spaghetti. Dazu gibt es Fourme d’Ambert, kandierte und getrocknete Oliven und Paprikacreme, wobei vor allem der Käse kräftige und spannende Akzente setzt. Etwas gut angemachter Friséesalat ergänzt dieses ausgezeichnete, sehr mediterrane vegetarische Gericht.
Bei den Hauptgängen entscheiden wir uns beide für Fisch, wenngleich die Königinnenpastete mit Perlhuhnragout oder der Kalbskopf genau verlockend gewesen wäre.
Die Makrele ist mit einer Farce gefüllt und in Form gebracht auf knackigem Mangold platziert. Der Erdbeerkaviar dazu ist mehr ein optischer Blickfang, als dass er geschmacklich viel beiträgt. Dafür bringen die Parmesanbällchen mit den Miesmuscheln eine Menge Geschmack ins Spiel, ebenso wie die kräftige Portwein Beurre Blanc, die etwas viskoser ausfällt. Gekonnt ist der Einsatz des Parmesans, der sich nicht in den Vordergrund spielt, sondern eher zurückhaltend, aber deutlich mit Umami den deftigen Charakter des Gerichts unterstützt. Abgesehen davon, dass der Gang bildschön anzusehen ist, ist das auch handwerklich sehr sauber gearbeitet.
Nicht weniger gut gemacht ist auch das stattliche Mittelstück von der Seezunge, die an der Gräte auf den Punkt gebraten ist. Ein sehr cremiges Kartoffelpüree und eine ausgezeichnete Champagnervelouté umschmeicheln den saftigen Fisch. Toll auch die Kartoffelcroissants als Beilage. À part gibt es in einer Kaviardose Belugalinsen, die mit Streifen von Salzzitrone einen überraschenden, aber passenden Säurekick bekommen. Erst auf den zweiten und dritten Löffel hin entdecke ich dann am Boden der Dose noch eine gestockte Creme von der Champagnervelouté. Es sind diese Kleinigkeiten, an denen man merkt, dass hier jemand kocht, der sein Handwerk beherrscht und auch über genug kreative Ideen verfügt, um seinen Gerichten eine ganz eigene Handschrift mitzugeben, ohne den traditionellen Charakter aufzugeben.
Im Vergleich zu unseren letzten Besuchen scheint mir die Küche von Maik Neumann noch ausgefeilter zu sein. Die Gerichte haben nicht nur optisch gewonnen, sondern überzeugen auch immer mit perfekter Ausführung und überraschenden Twists. Das macht alles außerordentlich viel Spaß.
Wir lassen ihn zwar heute aus, aber auch der Käsewagen ist mittlerweile so verlockend bestückt, wie man es in Hannover nicht oft erlebt. Ein weiterer Grund, den beim nächsten Besuch auszutesten, auch wenn die Portionen hier durchaus großzügig bemessen sind.
Das wird uns beim zweiten Teil unseres Abendprogramms zwar ein wenig an unsere Grenzen führen, aber manchmal muss man die eben auch überschreiten. Das machen wir im Anschluss an unser Essen im anderen Teil des Hauses, an der Bar vom „Votum“. Darüber lest Ihr dann im nächsten Bericht.
Details
| Restaurant: | Schorse |
| Adresse: | Hannah-Arendt-Platz 1, 30159 Hannover |
| Öffnungszeiten: | Dienstag - Samstag: 17.30 Uhr - 21.30 Uhr Sonntag + Montag: Ruhetag |
| Website: | www.schorse-im-leineschloss.de/ |
Schlagworte
Landtag, Luise Volkert, Maik Neumann, moderne Klassik, Schorse
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