Schatzhauser, Baiersbronn
Am 2. Oktober 2023 in Deutschland | 2961 Aufrufe
Wenn man schon einige Tage in der Traube-Tonbach verbringt, bietet es sich an, auch alle À-la-Carte-Restaurants zu besuchen, zumal nach dem Wiederaufbau des Stammhauses. Aus der früheren „Bauernstube“ wurde das nun deutlich größere „Schatzhauser“, das ähnlich minimalistisch eingerichtet ist wie das benachbarte „1789“ und das ebenfalls von Florian Stolte bekocht wird. Schwarzwaldromantik sucht man hier vergebens, aber eine geschickte Lichtregie und dunkle Holztöne lassen den Raum dennoch nicht kalt und ungemütlich wirken. Eher macht sich eine legere Bistroatmosphäre breit, die durch den betont lockeren Service, geführt von Ansgar Fischer, noch bestärkt wird.
Die Karte gibt sich zweigeteilt. Zum einen finden sich einige regionale, aber überwiegend klassisch bürgerliche Gerichte, zum anderen macht man auch Ausflüge ins Asiatische, zu Burgern und einigen Steakspezialitäten. Es ist also ein recht breitgefächertes Angebot, mit dem man sich auch bewusst vom entsprechenden Pendant in Mitteltal abgrenzt. Während dort in den „Dorfstuben“ ganz auf Schwarzwälder und badische Regionalküche gesetzt wird, was auch früher das Programm in den „Bauernstuben“ war, hat man sich jetzt dem moderneren Ambiente auch auf der Karte angepasst.
Wir starten mit zwei Gängen, die sich gut zum Teilen eignen. Die Steinpilzquiche mit Speck ist deftig, aber mit dem prägnanten Steinpilzgeschmack gleichzeitig auch wieder sehr fein. Schnittlauchschmand und ein gut angemachter Feldsalat dazu sind passende Begleiter.
Auch die Rillette vom Kalbschwanz mit Gänseleber ist rustikal und lecker. Sie kommt zwar etwas zu kalt und zu fest an den Tisch, so dass nicht alle Feinheiten herauszuschmecken sind. Aber mit etwas Temperatur ist auch die Gänseleber gut zu erkennen. Die eingelegten Kürbiswürfelchen dazu liefern mit ihrem säuerlichen Ton eine gute Ergänzung.
Bei den Hauptgängen entscheiden wir uns zum einen für den ausgezeichnet knusprig gebratenen Zander auf Pommerysenf-Sauerkraut. Die Champagnersauce dazu ist schön cremig und von deutlichem Eigengeschmack, das Kartoffelpüree ist in Ordnung. Dies ist sicher keine Neuerfindung, aber ein außerordentlich gut gemachter Klassiker mit Elsässer Einschlag.
Für mich soll es das Ragoût Fin sein, ein Gericht, das sich heutzutage viel zu selten noch auf Speisekarten finden lässt. Und wie gut ist diese Version. Hier werden neben Pfifferlingen nicht nur Geflügel- sondern auch Kalbfleisch verarbeitet, so wie es sich gehört. Und zur besonderen Krönung gibt es noch gebackenes Kalbsbries, was mich besonders freut. Die Blätterteigpastete wird hier ersetzt durch ein Blätterteigkissen. Das ist ein wundervolles Wohlfühlgericht, klassisch, gut und reichhaltig.
Da die Portionen sehr sättigend sind, dürfen es nur noch einige kleine Nachspeisen sein. Aus den Eis- und Sorbetsorten wählen wir jeweils eine Kugel Haselnuss und Zimt, die ohne größeren Schnickschnack serviert werden. Sie sind gut, aber nicht sonderlich spektakulär.
Das Champagnerparfait kommt schon recht weich an den Tisch, so dass es seine Form nicht mehr lange hält. Immerhin ist hier der Champagner deutlich zu schmecken, was ja nicht immer der Fall ist, wenn irgendwo das edle Getränk als Zutat aufgeführt wird. Das Beerenragout aus Erd-, Brom- und Heidelbeeren ist gut mariniert, die Pistazienhippen haben zumindest ein paar Pistaziensplitter abbekommen, sind aber ansonsten nicht sehr prägnant. In Summe ist das ordentlich bis gut, hat aber auch noch Luft nach oben.
Trotz der kleinen Abstriche bei den Desserts hat uns das Essen im „Schatzhauser“ ausgesprochen gut gefallen. Ich persönlich brauche hier zwar weder Glasnudelsalat noch Burger oder Steaks, aber ich verstehe, dass es auch dafür eine Nachfrage gibt und bin sicher, dass auch diese Gerichte so sorgfältig zubereitet werden wie unsere Vor- und Hauptspeisen. Alleine für das Ragoût Fin und die ausgezeichnete Steinpilzquiche hat sich für mich der Besuch bereits gelohnt.
Ansgar Fischer, über dessen Gastgeberqualitäten man nicht viele Worte verlieren muss, schließlich war er auch mal Maître d‘ in der benachbarten „Schwarzwaldstube“, war an diesem Abend bei einer größeren Gesellschaft beschäftigt. Aber auch sein Team hat den Service gut im Griff, ist jederzeit freundlich und aufmerksam.
Wenn Schatzhauser der gute Geist aus einem Schwarzwald-Märchen ist, der den Menschen Wünsche erfüllt, dann ist er hier auf einem guten Weg.
Details
| Restaurant: | Schatzhauser |
| Adresse: | Tonbachstraße 237, 72270 Baiersbronn |
| Öffnungszeiten: | Montag - Samstag: 12.30 - 20.30 Uhr Sonntag: 12.30 - 17.30 Uhr |
| Website: | www. |
Schlagworte
Ansgar Fischer, bürgerliche Küche, Crossover, Florian Stolte, regional, Schatzhauser, Traube-Tonbach
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