Victor’s Fine Dining by Christian Bau, Perl-Nennig
Am 6. November 2025 in Deutschland | 662 Aufrufe
Dies ist mittlerweile der 12. Bericht, den ich über dieses Restaurant schreibe, einschließlich zweier über die Bau-Boxen während der Corona-Zeit. Der älteste ist von 2016, aber unsere ersten Besuche reichen noch etwas weiter zurück. Damit ist Christian Bau der Dreisternekoch, den wir mit Abstand am häufigsten besucht haben.
Als es um die Frage ging, wo wir den Geburtstag meiner besseren Hälfte, dieses mal einen runden, feiern sollten, war „Victor’s Fine Dining“ gesetzt, zumindest für den Vorabend, denn für den eigentlichen Geburtstag hatte er einen weiteren Wunsch.
Wann immer wir auf Schloss Berg das Restaurant betreten, fühlt es sich ein wenig an, wie nach Hause zu kommen. Und dazu tragen natürlich alle Beteiligten bei, die uns auch genau dieses Gefühl geben. Nina Mann, der formidable Maître d‘ Thomas Blessing und Ester Eggert sind mittlerweile fast zu Vertrauten geworden.
Hier können wir uns ganz gelassen dem hingeben, was in den kommenden Stunden auf uns wartet. Und das startet zum Champagner wie gewohnt mit einer Parade von Grüßen, die für sich schon einzigartig ist.
Den Auftakt macht diesmal die Variation eines französischen Klassikers, der Vichyssoise, die Christian Bau aber natürlich mächtig aufpimpt. Am Boden findet sich etwas Stampf und Vinaigrette mit leichter Zitrusnote, darauf Espuma, eine Scheibe vermutlich von Langustine, darauf wiederum Kaviar sowie noch mikrofeine Croutons und Schnittlauch. Das ist ungemein vielschichtig und mit Sicherheit die edelste Version einer Vichyssoise, die ich bisher erlebt habe.
Der Macaron mit Aal, Foie Gras und grünem Apfel als Hommage an Martin Berasategui ist ein Klassiker seit 2008 und verbindet wie gewohnt auf kleinstem Raum kunstvoll Cremigkeit, Crunch und Frische.
Noch detaillierter wird es mit der Tartelette mit Lachsbauch, Edamame, Kaviar und Myoga. Es ist knusprig, weich, ploppt hier und da. Es ist alles dabei für ein tolles Mundgefühl.
Auch das ultrafeine Knusperröllchen mit Wagyutatar und Räucherfischcreme mit Kaviar ist ein Signature bereits seit 2001. Aber auch heute noch entfaltet es seinen ganzen Reiz mit einer sehr markanten Rauchfischnote, ohne dass dies in irgendeiner Weise zu dominant wirkt. Eine tolle Textur und von den drei zusammen servierten Grüßen der kräftigste.
Die pochierte Kys-Auster mit Buttermilchdashi, einer Gurkenvariation, Kaviar und geeisten Perlen kennen wir auch bereits, aber die Vielfalt aus frischer Kühle und Jodigkeit, die jeden Löffel wie eine Meereswelle umspült, begeistert uns jedes Mal. Der Furikake-Chip bietet dazu ein Knusperelement mit eindeutig japanischer Geschmacksnote.
Ein letzter Gruß folgt noch in Form eines Nori-Tartelettes mit Bauch vom Thunfisch, Koshihikarireis und Kaviar. Auch in diesem Fall bestimmen jodige, füllige und leicht salzige Elemente das Geschmacksbild. Sehr nachhallend und mit perfekten Proportionen.
Das eigentliche Menü startet dann mit gezupftem Fleisch von der gedämpften norwegischen Königskrabbe mit Avocado auf kalten Somen, sehr dünnen Weizennudeln, die auch kalt gegessen werden können. Dazu gibt es eine mit Zitrusfrüchten aromatisierte Kyoto-Dashi nach einem Rezept, das Christian Bau nach einem offenbar bewegenden Menü von Yujiro Maeda erhalten hat. Die Dashi kommt weniger vordergründig zitrisch daher, sondern überzeugt mit großer Subtilität. Aber genau dadurch gerät sie sehr elegant. Das ganze Gericht zeichnet eine enorme Leichtigkeit aus, das für sich bereits formidabel funktioniert. Kaviar als Extra fügt aber noch mal eine zusätzliche Ebene bei, die zur Eleganz noch weitere Komplexität beisteuert.
Der folgende Gang kombiniert Rücken vom Thunfisch als Salpicón und Sashimi mit Texturen von Entenleber, also pur, als Eis, Creme und geeiste Perlen. Zusammen mit Buchenpilzen und gebratenem Shiitake ist das ein ziemlich reichhaltiges Ensemble, das zahlreiche Kombinationen zulässt. Ein gegrilltes japanisches Milchbrötchen, ähnlich einem Brioche, mit einer Seegras-Butter, natürlich aus feinster Beurre Bordier, komplettiert das zwar füllige, aber sehr stimmige Gericht.
Hungrig geht bei Christian Bau niemand aus dem Haus, aber zweierlei Brot, Salzbutter und mit Soja aromatisierte Butter dürfen dennoch nicht fehlen. Wären wir am nächsten Tag wieder nach Hause gefahren, hätten wir uns das Brot einpacken lassen. So ist es jammerschade, dass wir heute komplett darauf verzichten. Manchmal siegt eben doch die Vernunft.
Weiter geht es mit Jakobsmuschel auf Brunnenkressepüree. Das prächtige Exemplar ist wunderbar gebraten und begleitet von Zwiebelconfit und Gnocchi. Dazu gibt es eine Jus von der Kalbsbrust, die einen so traumhaften Glanz hat, dass man sich darin spiegeln könnte. Sie sorgt auch dafür, dass aromatisch deutlich ein Gang zugelegt wird. Weißen Trüffel gibt es als Extra und es ist unnötig zu erwähnen, dass sich zum kräftigen Geschmack nun auch noch ein perfekt passendes Parfum gesellt.
Der portugiesische Gamberoni hat in Christian Baus Küche einen festen Platz und gerne auch in Kombination mit hawaiianischem Palmherz, hier in Variationen, darunter einem gefüllten Ravioli. Das Krustentier ist natürlich, wie alles hier, von allerbester Qualität und bekommt mit Brokkolino und einer kräftigen XO-Krustentiersauce und einem Schaum von Yuzu-Kosho stimmige Mitspieler. So changiert das toll zwischen der Süße des Gamberoni und der Deftigkeit der Jus.
Im Hauptgang folgt gereifter Ikejime-Steinbutt auf Grenobler Art mit Kapern auf Blattspinat. Dazu gesellen sich eine gefüllte Artischocke, ein kleiner Salat mit Artischockenchips, der etwas Frische beisteuert, Minicroutons sowie zwei kleine Aalstückchen und Katsuoboshi. Die Jus aus den gerösteten Steinbuttköpfen ist erneut perfekt klassisch und von großer Dichte und Geschmackstiefe. Die leichten Rauchnoten durch den Aal unterstreichen den vielschichtigen Charakter in diesem sehr detailreichen, ausgezeichneten Gericht.
Den süßen Teil des Menüs leitet hier für gewöhnlich entweder die Interpretation eines Cocktails ein oder so wie heute ein sehr erfrischendes Ensemble von japanischer Kiwi in Texturen mit Matcha, Schaum von Amazake, einem Getränk aus fermentiertem Reis und diversen Granitékugeln von Sake. Das ist so bildschön und abwechslungsreich, dass Pré-Dessert hierfür eine maßlose Untertreibung wäre.
Die Küche schiebt noch einen zusätzlichen Dessertgang ein mit dem Eis von weißem Trüffel und Denmiso mit Sauce von piemontesischer Haselnuss. Getoppt wird das alles von einer üppigen Menge Alba-Trüffel. Bei so einem luxuriösen Produkt ist es klug, den Teller recht puristisch zu halten. So kann der Trüffel vollständig glänzen und im Zusammenspiel mit der Toffeesauce ergänzt sich das Erdige wunderbar mit dem Süßen.
Natürlich studiere ich vor einem Restaurantbesuch immer mal wieder online die Speisekarten, um mich einzustimmen und selbstverständlich auch, um die Vorfreude zu steigern. Deshalb war ich einen Hauch enttäuscht, als der ‚bau.stein‘, der noch eine Woche vorher Teil des Menüs war, von einem Schokoladendessert abgelöst wurde. Den ‚bau.stein‘, ein weiteres Signature-Gericht, durften wir schon einige Male genießen und ich liebe ihn in all seinen verschiedenen Versionen sehr. Allerdings hatten wir ihn nun doch schon eine ganze Weile nicht mehr und so hatte ich mich sehr darauf gefreut. Also einfach mal fragen. Und tatsächlich macht es die Küche möglich, noch irgendwo ein Exemplar aufzutreiben. Der ‚bau.stein‘ selbst, diesmal mit Pandan-Geschmack, ist ein faszinierendes Gebäck aus Knusperschicht und ummantelter, fester Creme. Dazu gibt es exotische Früchte, geeiste Perlen und eine wunderbar cremige Kokos-Yuzu-Eiscreme. Ich bin sehr glücklich.
Meine bessere Hälfte bleibt bei dem vorgesehen Dessert, rund um die Valrhona Grand Crû-Schokolade, die hier in Texturen mit Mousse, Creme, Sponge und Eiscreme variiert wird. Kumquat bringt etwas fruchtige Säure ins Spiel. Und ein Eis von Tahiti-Vanille rundet alles zusätzlich ab. Ohne Zweifel auch sehr gut und ebenfalls kunstvoll arrangiert, aber mir zuletzt doch etwas zu gehaltvoll. Für meinen Mann ist es allerdings genau richtig.
Dass es auch damit noch nicht getan ist, versteht sich fast von selbst, denn so umfangreich wie die Ouvertüre eines Menüs bei Christian Bau ausfällt, so darf man sich auch beim Finale auf ein kleines Feuerwerk aus der Pâtisserie freuen. Die Friandises werden in zwei Akten präsentiert, wobei eine originelle Version der Schwarzwälder-Kirschtorte in einer Waffel und ein fluffiger japanischer Eiskaffee den Auftakt machen.
Einige weitere Preziosen sowie ein Stück der noblen japanischen Musk-Melone folgen noch, aber hier müssen wir dann doch auf den letzten Metern die Segel streichen. Die Süßigkeiten bereiten uns aber am nächsten Tag dann noch Freude.
Nina Mann überrascht uns dieses Mal mit einer Weinbegleitung, die auch einiges Unkonventionelles bietet, wie zum Beispiel einen ausgezeichneten Petite Arvine aus der Schweiz.
Wir haben ja nun wirklich schon viele Menüs hier erleben dürfen, eines so gut wie das andere. Dass dieses Mal relativ viele Gerichte dabei waren, die für uns neu waren, zeigt, dass man sich hier nicht auf den bewährten Klassikern ausruht, sondern stetig weiter entwickelt.
20 Jahre nun hält Christian Bau bereits drei Michelinsterne, die höchste Auszeichnung, die ein Koch erreichen kann. Damit ist er der Chef im Land, der sich damit länger schmücken kann als jeder andere. Bedenkt man, welche Höchstleistung das Tag für Tag erfordert, kann man nicht anders, als große Bewunderung zu empfinden.
Wie wenige andere hat er einen Stil begründet, der mit seinen japanischen Einflüssen mittlerweile landauf, landab Einzug auf die Speisekarten gefunden hat. Sicher wäre das in einer globalisierten Welt wie der unseren früher oder später eh passiert. Aber ob es so konsequent und mit einem derartigen Qualitätsanspruch stattgefunden hätte wie hier, darf bezweifelt werden. Bau hat hier die Messlatte gesetzt, die auch heute noch von kaum jemandem gerissen wird.
Und damit bleibt ein Besuch bei ihm auch weiterhin etwas, das zu den beeindruckendsten Erlebnissen gehört, die man sich kulinarisch gönnen kann – und sollte!
Details
| Restaurant: | Victor's Fine Dining by Christian Bau |
| Adresse: | Schloßstraße 27–29, 66706 Perl-Nennig |
| Öffnungszeiten: | Donnerstag + Freitag: 19.00 - 24.00 Uhr Samstag + Sonntag: 12.00 - 16.00 Uhr und 19.00 - 24.00 Uhr Montag - Mittwoch: Ruhetag |
| Website: | www.victors-fine-dining.de/ |
Schlagworte
Christian Bau, Ester Eggert, japanisch, kreativ, Nina Mann, Perl, Sarah Bau, Thomas Blessing, Victor's
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