Ginko, Lille

Letzte Station unserer knappen Frankreich-Woche ist Lille. Dort darf es noch einmal ein Restaurant mit Stern sein und unsere Wahl fällt auf das „Ginko“, das seit 2025 mit einem Macaron ausgezeichnet ist. Die Chefköchin Valentina Giacobbe, gebürtige Italienerin, aber aufgewachsen in Asien, wurde gleichzeitig auch mit dem „Young Chefs Award“ ausgezeichnet. Giacobbe arbeitete zuletzt als Sous-Chefin im mit zwei Sternen dekorierten „Rozó“. Ihr Chef-Pâtissier Julien Ingaud-Jaubert hat ebenfalls Erfahrung in gehobenen Häusern, kennengelernt haben sich beide in Pierre Gagnaires „Gaya“ in Paris.

Mit dem „Ginko“ hat Valentina Giacobbe nun ihr eigenes Restaurant eröffnet, das mit roter Backsteinwand und schlichtem, aber geschmackvollem und warmem Interieur überzeugt. Mittags wird ein Dreigang-Menü zu 48€, abends ein Sechsgang-Menü zu 100€ angeboten, das unter der Woche auf vier Gänge zu 79€ verkürzt werden kann. Käse ist für 15€ optional erhältlich.

Als ersten Gruß schickt die Küche eine Tartelette mit Dillcreme und Bottarga. Der kleine Happen zeigt eine feine Salz- und eine noch nachhallendere Kräuternote.

Amuse Bouche
Amuse Bouche

Mit dem nächsten Amuse Bouche folgt ein Schälchen mit gegrillten, kalten Makrelenstücken und eingelegtem, mariniertem Fenchel, der sich sehr intensiv und prägnant präsentiert. Ein Schaum von Anis und Fenchelkraut rundet das gekonnt ab. Das Schälchen zeigt eine gute Säure und ist mutig abgeschmeckt.

Amuse Bouche
Amuse Bouche

Das Menü startet dann mit einem bildhübschen Arrangement von gehobelter Gurke, in die dünne Scheiben von Adlerfisch und etwas Mandelcreme eingearbeitet sind. Sonnenblumenkerne bringen etwas Crunch und abgerundet wird alles von einer Vinaigrette auf Basis von Gurkenwasser und Öl vom Feigenblatt. Das ist vor allem sehr frisch und angenehm kühl. Was man auf den ersten Blick zunächst nicht ahnt, ist die doch erhebliche Menge an Gurke, die sich beim Auffächern auftut. Aber das ist nur eine Petitesse angesichts dieses gelungenen und leichten Auftakts.

Gurke und roher Adlerfisch, Mandel und Feigenblatt
Gurke und roher Adlerfisch, Mandel und Feigenblatt

Zur aufgeschlagenen, gewürzten Butter gibt es zweierlei sehr gutes Brot, das von einer nahegelegenen Bäckerei im Stadtteil Moulin bezogen wird.

Brot & Butter
Brot & Butter

Weiter geht es mit nur leicht erwärmten Stücken von Langoustine auf einem Confit von roten Beeren und Kumquatstücken. Die Bisque dazu ist recht mild und cremig, aber schon pointiert. Gepuffter Reis bringt noch etwas zusätzliche Textur. Unterm Strich bleibt ein angenehmer Krustentiergeschmack im Vordergrund, während die Beeren nur moderate Säureakzente beisteuern. Ein gut gemachter Gang.

Warme Langoustine, Johannisbeere, Krustentieremulsion
Warme Langoustine, Johannisbeere, Krustentieremulsion

Es folgt Seeteufel, der recht naturell belassen wurde und offenbar langsam gegart wurde. Als Beilage dient Zucchini, die mit Zucchinistücken und -creme, Shiso und rotem Curry recht aromatisch gefüllt ist. Shiso und Curry finden sich auch in der intensiven, sehr cremigen Beurre Blanc. Hauptdarsteller bleibt aber eindeutig der Fisch.

Seeteufel, gefüllte Zucchini, Shiso und grüner Curry Beurre Blanc
Seeteufel, gefüllte Zucchini, Shiso und grüner Curry Beurre Blanc

Ähnlich reduziert präsentiert sich auch der Hauptteller des Fleischgangs mit durchgehend rosa Kalbsfilet, das erneut ziemlich pur erscheint. Eventuell wurde es sous-vide gegart und dann nur kurz nachgebraten. Jedenfalls hat man mit Würzung deutlich gespart. Die findet sich dafür in der Beilage in Form von im Ofen getrockneten Tomatenscheiben, die mit Kräutern und Zwiebeln gefüllt sind. Das hat die Anmutung eines Tomatensalates und passt als Kontrast recht gut zum neutralen Fleisch und der ebenfalls naturell gehaltenen Jus.

Separat gibt es im Schälchen am Boden ein Confit von Kirschtomaten, darauf geschmortes Fleisch und exzellentes Kartoffelespuma mit Tomatenstaub. Im Gegensatz zum Filet ist dieser Teil sehr würzig und kräftig. Sehr schön, wie die Zutaten hier weiter variiert werden. Ein sehr guter Hauptgang.

Den süßen Teil leitet ein Basilikumsorbet mit Himbeeren, Joghurtcreme und einer Zuckerplatte ein. Das ist nicht übermäßig kreativ, aber handwerklich gut gemacht und arbeitet die Kräuternote sehr schön heraus, die durch die Säure der Himbeeren gut ergänzt und den Joghurt abgepuffert wird.

Himbeere, Joghurt und Basilikum
Himbeere, Joghurt und Basilikum

Herbstlich wird es mit dem Hauptdessert, bei dem Creme und Biskuit von Haselnuss mit Birne und knusprigem Teig gefüllt ist. Darauf eine Milchschaumhaube, die so gebunden ist, dass sie fast wie eine super fluffige Panna Cotta wirkt. Hier ist das Nussige eindeutig der Schwerpunkt, während im separaten Schälchen Birne die Hauptrolle spielt mit einem exzellenten Sorbet auf Kompott mit Birnensud. Das ist gleichzeitig auch der kühle Gegenpart zum Hauptteil. In Summe ein sehr schön variiertes herbstliches Dessert.

Auch die abschließenden Petit Fours in Form eines Choux, der mit kühler, fruchtiger Creme gefüllt ist und einem Pâte de fruit belegen das handwerklich hohe Niveau der Pâtisserie.

Mignardises
Mignardises

Aber auch die vorherigen Gänge stehen dem nicht nach. Valentina Giacobbes Gerichte kommen zwar mit wenigen Komponenten aus, sind aber wohl durchdacht und klug komponiert und zudem sehr ästhetisch präsentiert. Ihre italienische Herkunft oder asiatische Einflüsse, wie man vielleicht erwarten könnte, findet man in ihrer Küche eher nicht. Dafür ist das zu französisch geprägt, aber halt mit einem modernen, nicht überladenen Stil. So fügt sich das sehr harmonisch auch zum reduzierten Interieur ein. Qualitativ ist das zudem eine erkennbare Steigerung zu den vorherigen Restaurantbesuchen und erfüllt auch das, was man von einem Restaurant mit Michelinstern erwartet.

Dem entspricht auch der sehr freundliche und aufmerksame Service, der uns selbstverständlich auch in englisch gut durch den Abend führt. Gleiches gilt auch für die kenntnisreiche Sommelière, die uns durch die nicht allzu umfangreiche Weinkarte dirigiert, die preislich schon etwas gehobener ist, was aber durch den immer noch sehr moderaten Menüpreis kompensiert wird. Und wo bekommt man noch eine Wasserflat für 3,50€ pro Tisch?

Das „Ginko“ bot uns jedenfalls den gelungenen Abschluss, den wir uns gewünscht haben.

Details

Restaurant: Ginko
Adresse: 70 Rue de l'Hôpital Militaire, 59800 Lille
Öffnungszeiten: Dienstag + Mittwoch: 19.30 - 21.00 Uhr
Donnerstag - Samstag: 12.15 -13.00 Uhr und 19.30 - 21.00 Uhr
Sonntag + Montag: Ruhetag
Website: www.ginkorestaurant.fr/

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