L’Aromate, Caen
Am 17. Oktober 2025 in Frankreich | 630 Aufrufe | 1 Kommentar
Caen, in der Normandie gelegen, ist mit 200.000 Einwohnern wahrlich keine kleine Stadt. Allerdings listet der Michelin hier nur ein Restaurant mit einem Stern und auch der Gault Millau vergibt als Höchstnote gerade mal 13,5 Punkte. Klingt nicht gerade nach einer kulinarischen Hochburg.
Aber da wir auf dem Rückweg nach Hause eh nur eine Nacht hier bleiben und für den nächsten Abend zum Abschluss unserer Reise noch einmal ein Sternerestaurant gebucht haben, darf es hier ohnehin auch etwas einfacher sein.
Unsere Wahl fällt auf das „L’Aromate“, immerhin mit 12 Punkten im Gault ausgezeichnet, was mittlerweile in Frankreich durchaus für ganz anständige Küche steht, während das früher, zumindest in Deutschland, eine Benotung eher nah am Verriss war.
Auch hier wird das Restaurant offenbar nur von zwei Personen geführt, Axel de Caseneuve in der Küche und Inès de Saint-Jores im Service. Erstaunlich ist vor allem die Preisgestaltung. Neben einer À la Carte-Auswahl, bei der kein Hauptgang die 30€-Marke reißt gibt es ein Viergang-Menü zu 38€, fünf Gänge zu 50€ und sieben Gänge zu 58€. Da fällt die Wahl nicht schwer und so nehmen wir hier das volle Programm.
Bei derart günstigen Preisen erwarte ich nicht unbedingt auch noch ein Amuse Bouche, aber selbst das gibt es hier auch noch in Form von zweierlei knusprigen Chips, einmal mit einer Mousse von Räucherfischen mit Sprossen und einmal mit Räucherlachs mit Kernen. Beides gut und prägnant abgeschmeckt.
Im ersten Gang gibt es ein kaltes Püree von Süßkartoffeln mit einigen Stücken und Chips davon, ebenfalls kalt. Nun gehört Süßkartoffel zu den wenigen Gemüsen, denen ich nicht besonders viel abgewinnen kann. Nicht nur kalt, sondern eigentlich per se finde ich es ziemlich langweilig und auch hier hätte ich mir einen beherzten Einsatz von Gewürzen gewünscht. Auch der Pecorino kann nicht genug dagegen halten, so dass das zwar eine nette, aber eben auch recht harmlose Texturspielerei bleibt.
Besser geraten da die Karotten-Gnocchi mit einer Crème von geräuchertem Frischkäse und karamellisierten Nüssen. Vor allem die Rauchnote kommt hier gut durch und auch der Parmesancrumble ergänzt das Ganze passend. Den angekündigten Zitronenthymian mache ich zwar nicht aus, dafür bedeckt eine unnötig große Menge an Alfalfasprossen das Gericht. Unabhängig davon ist das eine ansonsten gute und aromatische Kombination.
Im nächsten Gang folgt ein seidig-weicher Raviolo, der mit einem Geflügelconfit und Foie Gras gefüllt ist auf einem Bett von schön knackigen Karotten- und Selleriewürfeln. Die annoncierte Kirschbouillon kann ich geschmacklich zwar nicht als solche erkennen, was aber vielleicht auch nicht verkehrt ist, da so der Fokus mehr auf der aromatischen Füllung bleibt. Und es hat uns auch so gefallen.
Vor dem Hauptgang gibt es noch ein Sorbet von Apfel mit fermentiertem Honigwein, den es auch separat im Glas gibt. Trinkt man den pur, ist das schon sehr speziell, aber direkt zum Sorbet gegossen, passt und ergänzt sich das ausgezeichnet.
Beim nächsten Gang gibt es die Wahl zwischen Fisch und Fleisch, wobei mein Mann sich für den Wolfsbarsch entscheidet, der offenbar nur sehr behutsam auf der Haut gebraten wurde. Begleitet wird er von konfierten Tomaten und einem Püree von Blumenkohl mit Vanille. Grundsätzlich gefällt mir die Idee des Einsatzes von Vanille, aber hier bringt er doch eine arg dominante Note in das Gericht. Da hätte es durchaus weniger sein dürfen. Gut hingegen die Sauce Vierge, ähnlich einer Gremolata, die hier mit Karotte, Sellerie und Kürbiskernen angemacht ist und aus einem separaten Schälchen selbst dosiert werden kann. Abgesehen vom überparfümierten Blumenkohlpüree ansonsten ein schöner Fischgang.
Für mich soll es die Entenbrust sein, die hier als beachtliches Stück auf den Teller kommt und die top gebraten mit knuspriger Haut gutes Handwerk zeigt. Das Kürbispüree dazu ist, nun ja, Kürbispüree halt. Originell hingegen als Beilage finde ich die panierte und ausgebackene Karotte. Auch die relativ pur belassene Jus kann gefallen. So ist auch dies ein guter Gang, der vor allem vom ausgezeichnet gebratenen Fleisch lebt.
Bei den folgenden zwei Desserts kann man jeweils zwischen zwei Optionen wählen, wobei wir beim nächsten Gang beide den Ziegenfrischkäse wählen, der, zur Kugel geformt, mit Kirschragout gefüllt und mit Kernen ummantelt ist. Auf einem Chip finden sich ebenfalls noch eingelegte Sauerkirschen. Die Idee ist gut und die Kombination ebenfalls stimmig und geschmackvoll. Indes ist das alles doch recht massig und die Portion schlichtweg zu groß. Die Hälfte hätte es an dieser Stelle des Menüs, gerade nach dem ebenfalls nicht gerade klein bemessenen Hauptgang, auch getan.
Beim abschließenden Dessert gehen wir noch einmal getrennte Wege. Für meine bessere Hälfte soll es ein Kakaosorbet sein auf sehr mächtigem Kakaobisquit mit Pralinencrumble und einem Nussespuma. Vor allem Sorbet und Espuma gefallen mir gut. Das ist alles stimmig und sehr auf Schokolade bzw. Kakao ausgerichtet, aber eben auch alles andere als ein Leichtgewicht zum Schluss. Mein Mann kapituliert auf halber Strecke.
Für mich wird es fruchtiger mit einem Mirabellenkompott und -sorbet auf schöner Vanillecreme. Darauf knusprige, frittierte und gezuckerte Filoteigblätter. Auch das ist gut, allerdings ziemlich süß und auch ziemlich mächtig.
Was Axel de Caseneuve hier, zumal zu derart fairem Kurs, aus der Küche schickt, ist schon beeindruckend. Dass auch hier die Gerichte eher einfach konzipiert sind, ist nachvollziehbar und kann durchaus ein Vorteil sein, um die eigene Handschrift zu schärfen. Hier blitzen an vielen Stellen immer wieder gute Ideen auf. Das lässt auch verschmerzen, dass dann das ein oder andere Gericht, wie zum Beispiel die Süßkartoffelvorspeise eher belanglos ausfällt oder manches überportioniert ist. Und etwas Feinschliff hier und da, etwa was den übermäßigen Gebrauch von Sprossen oder den Einsatz von Vanille im Blumenkohlpüree angeht, wäre auch nützlich. In Summe hat uns das aber schon gefallen.
Schade, dass die Atmosphäre im Restaurant eher kühl bleibt. Inès de Saint-Jores ist zwar freundlich und erkundigt sich auch, wie es geschmeckt hat. Aber ansonsten gibt es da wenig Interaktion, sie ist auch häufiger für längere Zeit gar nicht zu sehen. So fühlt man sich ein wenig verloren in dem auch an einem Freitagabend nur halb besetzten Restaurant.
Dabei hätte die Küche durchaus mehr Zuspruch verdient.
Nachtrag: Vielleicht ist der Grund für den zurückhaltenden Besuch aber auch die Tatsache, dass man am Tag nach unserem Besuch das Restaurant schließen wird, um es nach einem Umbau mit neuem Namen und Konzept, aber gleichem Personal, einen Monat später wieder zu öffnen. Als „Blossom“ fungiert man jetzt als Restaurant am Mittag, den ganzen Tag über als Salon de Thé und abends als Bar mit Gerichten zum Teilen. Was das für die Karte bedeutet, kann ich nicht sagen, weil es dazu im Internet leider nichts zu finden gibt. Und überhaupt habe ich von der Veränderung nur zufällig in der Vorbereitung zur Veröffentlichung dieser Besprechung erfahren. Aber sie einfach wieder löschen, wollte ich dann auch nicht. Immerhin waren wir offenbar Zeuge des „last dance“ im „L’Aromate“.
Details
| Restaurant: | L'Aromate |
| Adresse: | 9 Rue Gemare, 14000 Caen |
| Öffnungszeiten: | Dienstag: 19.30 - 21.30 Uhr Mittwoch - Samstag: 12.00 - 13.30 Uhr und 19.30 - 21.30 Uhr Sonntag + Montag: Ruhetag |
| Website: | www.laromate-caen.fr/ |
Schlagworte
Axel de Caseneuve, Bistronomie, Caen, Gault Millau, kreativ, L'Aromate, Normandie
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wieder ein sehr schöner Bericht, vielen Dank. Daß Willi beim Kakaosorbet kapituliert , hätte ich nicht gedacht, da scheint die Portion doch sehr mächtig gewesen zu sein 😄 Seid Ihr eigentlich des Französischen soweit mächtig oder verständigt Ihr Euch da eher mit Händen, Füßen, Mobile, … ?