Wöschi, Zürich
Am 9. Mai 2026 in Schweiz | 343 Aufrufe | 1 Kommentar
Eine derartige Aussicht dürften nicht viele Restaurants in Zürich zu bieten haben. Direkt am Wollishofener Hafen genießen Gäste im „Wöschi“ eine Aussicht auf den Zürichsee wie kaum sonst irgendwo.
Das sachlich gestaltete Gebäude mit großen Glasfronten verfügt über einen Restaurantbereich im Erdgeschoss und einen kleineren im ersten Stock. Dort werden wir auch an diesem Abend platziert, was ich einerseits etwas schade finde, weil die Atmosphäre dort deutlich nüchterner ist als eine Etage tiefer, wo Gäste entweder an normalen Tischen oder an einer langen, rustikalen Tafel mit entsprechendem Abstand sitzen und die Beleuchtung intimer wirkt. Andererseits haben wir Logenblick auf den See, was auch nicht zu verachten ist.
Seit 2023 ist die Küche von David Klocksin mit einem Michelinstern ausgezeichnet. Der Gault Millau vergibt 16 Punkte und attestiert eine stetig steigende Leistung. Isst man hier zum ersten Mal, so wie wir, verlangt es etwas Vertrauen, denn es wird nur ein Überraschungsmenü in vier oder fünf Gängen (138 / 155 CHF) angeboten, das um einen zubereiteten Käsegang erweitert werden kann. Abneigungen oder Allergien werden dabei natürlich abgefragt.
Es geht los mit drei vegetarischen Snacks, wobei ein mit Haselnuss gefülltes Rettichröllchen den Auftakt macht. Während die Haselnuss recht dezent bleibt, setzt die Aprikosencreme eine passende, leicht fruchtige Note.
Als nächstes folgt ein Korncracker, der mit Fenchel als Creme und roh gehobelt belegt ist. Das ist zwar deutlich rustikaler, aber auch sehr stimmig und gut.
Das abschließende Cornet mit Avocado und geräucherter Karotte verbindet Cremigkeit mit Knusprigem. Auch wenn der Rauchgeschmack recht zurückhaltend bleibt, ist das gut gearbeitet und lecker.
Das noch warme Urdinkelbrot mit lockerem Teig und röscher Kruste wird serviert mit einer aufgeschlagenen Beurre Noisette mit Röstzwiebeln und Schnittlauchöl. Der nussige Geschmack passt ausgezeichnet zum Brot und in dieser Form gefällt mir die aufgeschlagene Butter ausnahmsweise sogar recht gut.
Im ersten Gang finden sich drei Scheiben vom Hamachi auf einer Brokkolicreme. Dazu gibt es gepickelte Minigurken und ein Sorbet von Kohlrabi und Brokkoli in einem Buttermilchsud mit Dillöl. Das präsentiert sich insgesamt frisch mit grünen Noten. Auch das Sorbet ist sehr gut, aber Brokkoli bleibt halt auch als Püree, selbst wenn so fein gemacht wie hier, relativ belanglos, liefert aber eine schöne, cremige Unterlage. Das ist in Summe gut, wenn auch nicht übermäßig originell.
In der Saison darf natürlich auch im „Wöschi“ Spargel nicht fehlen. Hier gibt es eine Stange, die mit deutlichen Röstnoten den Eigengeschmack kräftig unterstreicht. Separat gibt es ein Crêpes-Säckchen, das mit einer Yuzucreme gefüllt ist, die allerdings eher wie Kräuterschmand wirkt und wenig Zitrisches zeigt. Dafür hat das Yuzu-Gel die entsprechende pointierte Säure. Das Macadamia-Pesto wirkt losgelöst zunächst etwas fremd und zu trocken in der Gesamtkomposition. In Kombination mit allen anderen Komponenten wird das dann aber doch recht spannend und komplex. Sehr gut.
Im Fischgang gibt es Zander und den bringt David Klocksin auf ungewöhnliche Art auf den Teller. Er kommt nämlich als gedämpfte Farce mit rotem Curry, darauf Tapiokaperlen und geröstetes Sauerkraut für den Crunch. Am Boden findet sich ebenfalls Sauerkraut, allerdings in recht milder Form und mit Kurkuma. Durch den originellen Gang zieht sich eine feine Säurenote. Erfrischend, mal ein so ganz anders angelegtes Gericht serviert zu bekommen.
Und ähnlich unkonventionell geht es auch weiter. Nicht nur, dass Schweinenacken in einem Fine Dining Menü eher selten zum Einsatz kommt. Zudem sind die beiden Fleischstücke, drei Tage in Salz gebeizt und ausgesprochen zart, sehr reduziert in Szene gesetzt. Bedeckt sind die Scheiben mit BBQ-Lattich mit Eigelbcreme und Parmesan. Lediglich eine kräftige Sauce, die alles abrundet, komplettiert den Gang, der eindrucksvoll zeigt, wie auch ein vermeintlich einfaches Stück vom Schwein in diesem Kontext funktioniert, wenn der Eigengeschmack nur gut genug ist. Zwar ist das Gericht nicht sonderlich komplex konzipiert, aber köstlich und definitiv aus der Rubrik Soulfood.
Das Dessert stellt jahreszeitlich Rhabarber in Texturen in den Mittelpunkt als Sorbet, marinierte Stücke, Gel und fein gehobelt. Eine Erdbeersauce, Creme und Milchreis sowie gepuffter Reis und Brösel für den Crunch liefern viel Abwechslung. Obwohl viel Rhabarber im Spiel ist, wird die Säure gut im Zaum gehalten und die unterschiedlichen Texturen machen viel Spaß. Ein sehr frühlingshafter und gut gelungener Abschluss.
Eine Tartelette mit Lemon Curd, ein mit Passionsfrucht gefüllter Choux de Bourgogne und ein Mandel Tartufo zum Kaffee sind allesamt einwandfrei gearbeitet und gut.
Da im Wöschi nur Überraschungsmenüs serviert werden, wissen wir nicht, wie oft David Klocksin sie wechselt. Seine Küche hat einen starken saisonalen Charakter und kommt ohne die üblichen Luxuszutaten aus. Die Gerichte pendeln zwischen reduzierten und aufwändigen Kreationen, eher traditionellen und dann wieder unkonventionellen Ideen hin und her. Der Fischgang war ebenso überraschend wie der vermeintlich schlicht wirkende Hauptgang. Und so wirkt ein Menü hier durchaus auch ein wenig, und das ist positiv gemeint, wie improvisiert, selbst wenn genau das Gegenteil der Fall sein dürfte. In jedem Fall überzeugen die Gänge mit harmonischem und durchdachtem Geschmack.
So erfrischend anders sich die Küche präsentiert, so locker und ungezwungen agiert auch der Service unter Stephanie Ospelt. Casual Fine Dining ist hier tatsächlich Programm, was für eine sehr entspannte Atmosphäre sorgt. Da man hier im Sommer auch draußen sitzen kann, ist bei der beeindruckenden Aussicht der Wohlfühlfaktor sicher noch mal so hoch.
Als wir das „Wöschi“ verlassen, hat sich die Dunkelheit längst über den See gelegt. Mit den Lichtern im Hafen und in der Ferne ist sogar dann der Blick noch unschlagbar.
Details
| Restaurant: | Wöschi |
| Adresse: | Seestraße 457, 8038 Zürich |
| Öffnungszeiten: | Dienstag - Samstag: ab 18.30 Uhr Sonntag & Montag: Ruhetag Öffnungszeit Januar - März: Mittwoch - Samstag: ab 18.30 Uhr Sonntag - Dienstag: Ruhetag |
| Website: | www.woeschi.ch/ |
Schlagworte
David Klocksin, Michelin, saisonal, Stephanie Ospelt, Wöschi, Zürich
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wieder ein sehr schöner Bericht, vielen Dank fürs „Mitnehmen“ 💐