Reznicek, Wien
Am 23. Juni 2026 in Österreich | 166 Aufrufe | 1 Kommentar
Sucht man abseits der dekorierten Sternerestaurants nach empfehlenswerten Häusern, tut man gut daran, sich schlau zu machen, wohin Gastronomen selbst gerne gehen. In Wien ist das „Reznicek“ so eine Adresse, die man nicht nur von lokalen Größen immer wieder genannt bekommt, sondern die auch bei auswärtigen Kollegen einen guten Ruf genießt.
Das hängt natürlich mit den Betreibern zusammen, die in der Szene keine Unbekannten sind.
Simon Schubert ist uns noch als Sommelier aus dem „Mraz & Sohn“ und später als Restaurantsleiter aus dem „aend“ bekannt, beides zwei Wiener Top-Adressen. Auch Julian Lechner, zuständig für die Küche, kommt aus deren Schule. Bereits seit 2022 gibt es das „Reznicek“ und vom Start weg hat es sich in Wien als Gasthaus etabliert, das vor allem die österreichischen Klassiker pflegt und gleichzeitig auch Anleihen in der französischen Küche macht.
Die Einrichtung ist schlicht und unprätentiös. Hemmschwellen braucht hier niemand zu fürchten. Die Karte ist erfreulich übersichtlich und listet neben einigen Kleinigkeiten zum Start drei Vorspeisen, zwei Suppen, vier Hauptgänge und dazu einige Innereien-Gerichte wie Kalbsbries oder Kalbsniere sowie Klassiker wie Backfleisch oder Zwiebelrostbraten.
Während die Karte im Internet nur die Hauptzutat benennt und es da noch nicht klar ist, ob man sich noch etwas von den aufgeführten Beilagen dazu bestellen soll, ist die Karte vor Ort ausführlicher und auch der Blick auf die Nachbartische macht deutlich, dass man schon sehr guten Appetit mitbringen sollte, wenn man sich noch zusätzlich etwas an Beilagen ordert.
So schlicht und rustikal übrigens die Einrichtung sein mag, so viel Wert legt man aber auch hier auf feinste Glaskultur und so wundert es nicht, dass Zalto-Gläser die passende Ausstattung für die gute und fair kalkulierte Weinkarte sind.
Nachdem wir den ganzen Tag schon reichlich durch Wien gelaufen sind und seit dem Frühstück noch nichts weiter gegessen haben, verleitet uns der Appetit dazu, eine Portion Beinschinken zum Naschen (17€) vorweg zu bestellen. Die Portion ist dann allerdings so großzügig bemessen, dass wir froh sind, auf Brot und Butter verzichtet zu haben. Außerdem versuchen wir dieses Jahr eh, die bösen, bösen Kohlenhydrate abends zu meiden. Blöd zwar, aber irgendwie auch wieder ganz nützlich, wenn man ein wenig am Gewicht arbeiten will.
Der Schinken hingegen ist von ganz vorzüglicher Qualität und wenn er so wie in Österreich üblich, mit frisch geriebenem Kren und Schnittlauch kommt, reicht das ohnehin vollkommen. Ich frage mich sowieso, warum frischer Meerrettich in Deutschland so selten stattfindet. Vor allem auf Wurstwaren ist er ein Geschmacksbooster ohnegleichen.
Aus den Vorspeisen entscheiden wir uns dann für den Hamachi (34€) in sehr guter Qualität, der in Scheiben, nur minimal mariniert, auf Melonenwürfeln arrangiert ist. Die sorgen für einen süß-fruchtigen Akzent, der als Gegenpol zur angegossenen, leicht würzigen Ajo Blanco gut funktioniert, die wiederum alles cremig umspielt. Ein guter Einstieg.
Sehr traditionell ist das Rindertatar (27€) zubereitet, das handgeschnitten und gut gewürzt auf den Teller kommt. Obenauf findet sich ein flüssiges Eigelb, dazu Friséesalat und gebratene Pfifferlinge, die dem Ganzen einen zusätzlichen kräftigen Touch geben. Gefällt mir gut.
Liest man sich ein wenig durch die Berichte über das „Reznicek“ oder betrachtet man Posts in den Sozialen Medien kommt man eigentlich kaum am Cordon Bleu (34€) vorbei, das vielen als eines der besten der Stadt gilt. Auch heute Abend bestellen das gefühlt mindestens ein Drittel der Gäste. Dann also auch wir. Und in der Tat beindruckt das mächtige Stück mit einer aromatischen Füllung aus sehr gutem Schinken und würzigem Käse, perfekt paniert und ausgebacken. Preiselbeeren gibt es klassisch auch noch dazu, der mit reichlich Dill angemachte Rahmgurkensalat liefert die nötige Frische und ist genauso zubereitet, wie ihn auch meine Oma gemacht hätte. Herz, was willst Du mehr?
Meine Wahl stand schon lange vor dem Besuch fest, denn die Karte zeigte Miéral Taube (46€). Und mein Teller scheint nun wahrlich nicht sparsamer bemessen, denn ganz offensichtlich findet sich hier eine ganze Taube mit zwei Keulen und Bruststücken. Beides auf den Punkt gebraten, das Keulenfleisch fällt förmlich fast vom Knochen. Aber damit bei weitem nicht genug. Selleriepüree, geschmorter Chicoree, die ersten Steinpilze sowie Frisée geben die Mitspieler. In der kräftigen Jus, die in der Sauciere am Tisch belassen wird, finden sich noch kleine Speckwürfelchen, was den deftigen Charakter zusätzlich unterstreicht. Auch die Sauce ist köstlich, aber zum ersten Mal schaffe ich es nicht, sie zu leeren, weil das Bewältigen des gut gemeinten Tellers schon Aufgabe genug ist.
Die separat servierten Bittersalate mit Orangen in einer zitrusfrischen Vinaigrette kommen als Gegenpol zum herzhaften Teller zwar genau recht, tragen aber auch noch mal zusätzlich zur Sättigung bei.
Das Gericht würde so auch in einer klassischen Brasserie im Burgund eine gute Figur machen in seiner zwar rustikalen und doch feinen Art.
Bis zum Dessert gönnen wir uns eine längere Pause, denn beide Hauptgerichte waren so reichlich bemessen, dass sich im Nachhinein auch der Schinken zu Beginn als nicht zwingend notwendig herausgestellt hat. Aber so ganz ohne Dessert wollen wir auch nicht gehen. Käse gibt es derzeit leider nicht. Wie uns Simon Schubert erklärt, haben die Gäste im Sommer darauf scheinbar weniger Lust und da man den Käse von Anbeginn von Maître Antony, der Käseinstanz schlechthin, bezieht, wäre es zu schade, ihn dann unnötig zu entsorgen.
Also geht es süß weiter mit Vanilleeis und Erdbeeren (12€). Die kommen warm als Kompott und so wird daraus eine Art Version der „Heißen Liebe“, wie man sie ja sonst mit heißen Himbeeren kennt. Mir persönlich wären frische, pure Erdbeeren zwar etwas lieber gewesen. Aber lecker ist das auch so und das Vanilleeis ist exzeptionell gut.
Auch das zweite Dessert kommt ohne großen Schnickschnack aus und präsentiert ein ebenso gutes Rhabarbersorbet auf einem luftig, flaumigen Champagnerschaum (14€). Leicht säuerlich und frisch ist das ein Abschluss, der sich noch gut bewältigen lässt.
Mit einem Digestif lassen wir den Abend ausklingen, der uns nicht nur pappsatt gemacht hat, sondern auch gezeigt hat, dass es oft nicht mehr braucht als gute Produkte, sorgfältige Zubereitung und den Verzicht auf unnötigen Schnickschnack auf dem Teller, um Gäste glücklich zu machen.
Eine fabelhafte Weinkarte, sehr aufmerksamer, lockerer Service und eine zwanglose Atmosphäre, die es Gästen auch erlaubt, ganz nach Gusto und auch nur ein Gericht zu bestellen, wenn es ihnen danach ist, machen dies zu einem Wirtshaus par excellence.
Für den süßen Abschluss sorgt dann eine Petits Fours-Präsentation mit Augenzwinkern, denn ähnlich wie zu Halloween kann man sich aus diversen Süßigkeiten etwas aussuchen. Schön, dass mit den Fruchtgelees und dem Schokoladenkeks aber zumindest auch zwei hausgemachte Dinge dabei sind.
Aber auch solche Gimmicks machen den Charme hier aus und damit wir auch noch mal in den Genuss der Käseauswahl hier kommen, müssen wir als Nächstes wohl einen Besuch außerhalb des Sommers planen.
Details
| Restaurant: | Reznicek |
| Adresse: | Reznicekgasse 10, 1090 Wien |
| Öffnungszeiten: | Dienstag - Samstag: 17.00 - 01.00 Uhr Sonntag & Montag: Ruhetag |
| Website: | www.reznicek.co.at/ |
Schlagworte
bürgerliche Küche, Julian Lechner, Reznicek, Simon Schubert, Weinrestaurant, Wien, Wirtshaus
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Hallo Thomas,
ich finds auch schade, dass Meerrettich in deutschen Lokalen kaum und wenn dann nur aus dem Glas stattfindet!