Bianc, Hamburg

Das Äußere lässt nicht immer unbedingt auf das Innere schließen. Im Hochparterre eines recht nüchtern wirkenden Bürokomplexes in der Hamburger Hafencity deutet außer einem dezenten Schriftzug an der Tür erst mal nicht all zu viel auf ein Gourmetrestaurant hin.
Tatsächlich aber eröffnet sich beim Betreten ein luftiges Ambiente mit einem dominierenden Olivenbaum in der Mitte des Raums und linker Hand in einem Glaskubus die einsehbare Küche.

Außenansicht
Außenansicht

Alles wirkt hier sehr hochwertig. Zalto-Gläser, bequeme Lederdrehstühle, die blanken Tische akkurat ausgeleuchtet, so als habe man sich hier von vornherein auf viele abfotografierte Teller eingestellt. Ich beschwere mich nicht. Auch nicht über die Aussicht auf die in der Ferne liegende Elbphilarmonie von meinem Platz aus.

Dieses Ambiente bietet die Bühne für Matteo Ferrantino, gebürtiger Apulier, der über viele Jahre Küchenchef an der Seite von Dieter Koschina in der zweifach besternten „Vila Joya“ an der portugiesischen Algarve war. Offenbar hat ein wohlhabender Stammgast ihn von dort in den deutschen Norden locken können mit der Mission, den kühlen Hanseaten südländisches Flair auf die Teller zu zaubern.

Im „Bianc“ hat der Gast die Wahl zwischen einem Marktmenü in 4, 5 oder 6 Gängen zu 90€, 110€ bzw. 130€ oder einem Menü „Emotion“ in 9 Gängen (150€), das im wesentlichen aus dem Marktmenü mit zusätzlichen Gängen besteht. Ein vegetarisches Menü wird ebenfalls angeboten in 4, 5 oder 6 Gängen (75€, 95€, 115€). Wir entscheiden uns für das Menü „Emotion“ mit Weinbegleitung.

Und schon bald steht ein fröhlich gelaunter Chef am Tisch, begrüßt uns mit „Ich bin Matteo“ und baut eine bunte Armada von kleinen Grüßen vor uns auf, die allesamt sehr verheißungsvoll aussehen.

Amuses Bouches
Amuses Bouches

Eine strahlend grüne Granny Smith Gazpacho überrascht mit einer Meerrettichnote, das auf Eis gelagerte Radieschen mit einem sehr prägnanten Büffelbutterton und die Austernperle mit Imperial-Kaviar mit einer verblüffenden Ähnlichkeit zu eben jener, die wir gerade zuvor in München hatten. Ganz herausragend das Tartar im Cornet. Das haben wir wahrlich schon oft in anderen Restaurants gehabt, aber selten so gut wie hier. Dieses Tartar ist außergewöhnlich gut gewürzt.

Optisch schön, aber geschmacklich etwas blass bleibt der Oktopus, der vor allem von der frittierten Unterlage dominiert ist. Sehr fein hingegen die Entenleber auf einem Mango-Macaron und die hauchdünne Tortilla mit Krabben, ebenso wie das elegante Parmesan-Sandwich.

Das Brot wird im „Bianc“ in einer Papiertüte serviert. Es ist ein luftiges Focaccia, das der Geschichte nach, die der Service oder wahlweise auch Ferrantino selbst gern erzählt, so ist, wie er es als Kind von seiner Mutter zur Schule mitgegeben bekommen hat. Dazu gibt es hervorragende, locker aufgeschlagene und gewürzte Büffelbutter und Oreganoblüten.

Focaccia & Büffelbutter
Focaccia & Büffelbutter

Das Menü startet mit einem kunstvollen arrangierten Ensemble aus Thunfisch, einer falschen Paprika, die mit Ziegenfrischkäsecreme gefüllt ist sowie zahlreichen anderen Elementen. Der Thunfisch bleibt dabei eher im Hintergrund, was ich ein wenig schade finde, auch wenn das Gesamtgeschmacksbild schon gefällig ist.
Separat gibt es noch eine falsche Olive, die man sinnvollerweise erst am Ende essen sollte. Sie enthält einen sehr konzentrierten Olivensaft, der einen ordentlichen mediterranen Nachhall hinterlässt.


Mit dem nächsten Gang erreicht uns einer der Höhepunkte des Abends, jedenfalls für mich. Artischocke, gebraten, roh, mariniert und als Creme, Burrata und Kapern sowie ein süffiger Sud katapultieren einen alleine schon in den Süden. Die ausgezeichneten Anchovis dazu setzen markante Salzspitzen. Das ist so schlüssig, so harmonisch und transportiert ein so klares Bild vor Augen, dass mir nichts einfällt, was man daran besser machen könnte.

Artischocke | Anchovis | Burrata | Kapern
Artischocke | Anchovis | Burrata | Kapern

Sehr reduziert geht es weiter mit einem Langostino auf weißem Spargel und einem Sud von Olivenöl und Limette. Das hat eine so ausgeprägte Säure, dass es dringend den dazu gereichten Riesling vom Karthäuserhof braucht, um das abzupuffern.

Langostino | Weißer Spargel | Olivenöl | Limette
Langostino | Weißer Spargel | Olivenöl | Limette

Vor allem in der spanischen Küche ist die Kombination von Land und Meer eine weit verbreitete. Matteo Ferrantino spielt das ebenfalls sehr gekonnt aus mit einem Steinbutt in toller Qualität, Sepia als leicht gegartes Tartar, in das Erbsen eingearbeitet sind und Schweinekinn. Die Sepiajus dazu unterstreicht den kräftigen Charakter des Gerichtes. Das gefällt mir sehr gut und stellt auch in der Menüabfolge eine logische Steigerung dar.

Steinbutt | Sepia | Erbsen | Papada
Steinbutt | Sepia | Erbsen | Papada

Einen aromatischen Gang zurück geht es mit dem Hummerreis und Steinpilzen. Ausdrücklich nicht als Risotto ausgewiesen, hat es dennoch ein wenig den Charakter, wobei mir der Reis einen winzigen Tick zu fest ist. Das dürfte aber Geschmackssache sein. Insgesamt ist das sehr harmonisch und mild.

Hummerreis | Steinpilze
Hummerreis | Steinpilze

Die Fleischgänge läutet die Miéral-Perlhuhnbrust ein, der Ferrantino erneut etwas aus dem Meer an die Seite stellt. Die Jakobsmuschel ist ebenso wie das Perlhuhn sehr zart. Eigelbcreme sowie Mais geben mit der kräftigen Jus sehr passende Mitspieler. Irritiert sind wir von den falschen Gnocchi, die uns viel zu weich sind. So sehr uns manche Molekularspielerei durchaus noch Spaß macht, erschließt sich hier der Sinn nicht. Auch wenn es das Gericht vielleicht in eine zu traditionelle Richtung geschoben hätte, wären uns ein paar klassische Gnocchi an dieser Stelle passender erschienen. In Summe trotzdem ein guter Gang.

Miéral-Perlhuhn | Jakobsmuschel | Mais | Zitrone
Miéral-Perlhuhn | Jakobsmuschel | Mais | Zitrone

Und auch beim Ibérico Schwein, das zwar relativ fest, aber dennoch zart ist, kombiniert Ferrantino noch einmal Krustentier mit Fleisch. Drei Stücke eines stattlichen Carabineros sowie Chorizo und eine Tomatencreme sind ausgesprochen würzig, was durch die stark einreduzierte Jus noch unterstrichen wird. Die Kombination geht sehr gut auf und vor allem das tolle Saucenhandwerk begeistert mich auch bei diesem Gang wieder.

Ibérico Schwein | Carabiniero | Pfifferling | Tomate | Chorizo
Ibérico Schwein | Carabiniero | Pfifferling | Tomate | Chorizo

Beim ersten Dessert beeindruckt, wie auch bei vielen vorherigen Gängen, bereits die Präsentation, die im „Bianc“ ganz maßgeblich auch vom verwendeten Geschirr mit beeinflusst ist.
Auf einem schaumig aufgeschlagenen, sehr üppigen Joghurt sind Himbeeren in Variationen drapiert. Der dazu gereichte Rhabarber unterstreicht den frischen und säuerlichen Charakter. Das ist abwechslungsreich und bietet im Zusammenspiel mit dem welligen, roten Glasteller eine faszinierende Optik.

Joghurt | Himbeere | Rhabarber
Joghurt | Himbeere | Rhabarber

Mit Erdbeeren als Eis, Gelee, Ganache und Creme sowie Kokos als Panna Cotta, pur und als geeiste Perlen findet das Menü seinen stimmigen Abschluss. Bergamotte ist nur ganz leicht herauszuschmecken, Basilikum ebenfalls nur sehr dezent. Das ist elegant und zeugt von erkennbar hohem Aufwand. Das wichtigste aber ist natürlich, dass es auch sehr gut schmeckt.

Erdbeeren | Kokos | Bergamotte | Basilikum
Erdbeeren | Kokos | Bergamotte | Basilikum

Den finalen Schlusspunkt setzen einige ebenso präzise gearbeiteten Petits Fours zum guten Espresso.

Petits Fours
Petits Fours

Das war ein sehr starker Auftritt, den Matteo Ferrantino mit diesem Menü hingelegt hat. Es gab in der Tat keinen schwachen Gang, dafür einige starke Höhepunkte wie die Artischocke, den Steinbutt oder das Ibérico Schwein. Wo andere Spitzenköche sich und dem Gast häufig beweisen wollen, dass sie Einflüsse aus allen möglichen Kulturen in ihre Gerichte einfließen lassen können, was dann mitunter zu einer Verwischung des eigenen Profils führen kann (wenn auch nicht muss!), ist die Linie im „Bianc“ ganz klar und eindeutig. Wir befinden uns am Mittelmeer. Mal mehr in Italien, mal mehr in Spanien, ab und zu auch an der Côte d'Azur und ein wenig Portugal schimmert hier und da sicherlich auch durch. Aber die Bilder, die Matteo Ferrantino vermittelt, zaubern in der Tat immer südliche Assoziationen hervor. Und damit muss man konstatieren, dass die Mission wohl gelungen ist.

Die Weinbegleitung konnte zwar mit bekannten Namen (Gauby, Wassmer, Benoit Ente, Filipa Pato) glänzen, dort jedoch mit überwiegend jüngeren und einfacheren Weinen. Was teilweise irritierte, war der Service hierzu. Häufig gab es zur Erklärung einen Probeschluck, dann wurde nachgeschenkt, mitunter aber blieb es bei dem, was zu Beginn eingeschenkt war und das eben mengenmäßig dann doch recht knapp ausfiel, weil es unserer Meinung nach eben doch noch der Probierschluck war. Nun erwarten wir bei 8 verschiedenen Weinen nicht üppig eingeschenkte Gläser, aber hier fiel es einfach zu inkonsistent aus. Das blieb dann aber auch schon das einzige, das am Service zu bemängeln wäre. Ansonsten ist man hier ausgesprochen herzlich unterwegs.

Küche
Küche

Auch Matteo Ferrantino selbst ist sehr präsent. Im Restaurant gibt er den charmanten Gastgeber, ist sich für kein Foto zu schade, selbst wenn Gäste nahezu aufdringlich ihre Handykameras an die Durchreiche am gläsernen Pass halten. Nach einem halben Jahr scheint er seinen Platz in der Hansestadt gefunden zu haben. Auch ein TV-bekannter Koch, der an diesem Abend mit größerer Gruppe den Weg ins „Bianc“ findet, wird wie ein alter Freund begrüßt. Er scheint angekommen zu sein. Und man kann nur hoffen, dass er bleibt. Denn seine Küche ist eine echte Bereicherung. Nicht nur für Hamburg.

Details

Restaurant: Bianc
Adresse: Am Sandtorkai 50, 20457 Hamburg
Öffnungszeiten: Dienstag - Samstag: 18:00 - 22:00 Uhr
Ruhetag: Sonntag + Montag
Website: www.bianc.de

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