Marie, Hannover
Am 13. März 2026 in Deutschland | 137 Aufrufe
Fast 40 Jahre haben wir in Hannover gelebt und obwohl unser neues Zuhause nun seit fast drei Jahren in Köln ist, verfolgen wir immer noch gespannt, was sich in unserer alten Heimat tut.
In den Achtziger und Neunziger Jahren konnte sich die Stadt mit einigen besternten Restaurants rühmen. Ob Landhaus Ammann, Stern’s Restaurant, Schus Restaurant, Gastwirtschaft Wichmann, Bakkarat oder Joachim Sterns Étoile – über lange Zeit gab es für Feinschmecker zahlreiche Adressen. Der Zeit geschuldet zwar noch recht vornehm und steif und in den meisten Fällen auch damals schon arg kostspielig, aber immerhin. In den 2000er Jahren dann eine lange Dürreperiode ohne jeglichen Michelinstern, bis 2016 Tony Hohlfeld und Mona Schrader mit dem „Jante“ endlich den ersten Stern wieder in die Stadt zurückholen konnten.
Heute hat die Landeshauptstadt vier Restaurants mit insgesamt sechs Sternen und der neueste Zugang ist dabei seit vergangenem Jahr das „Marie“. Zu unserer Zeit in Hannover haben wir es irgendwie nie dorthin geschafft, so dass wir unseren jüngsten Besuch in der Stadt neulich genutzt haben, diese Lücke zu schließen.
In einem schmucken Altbau in der Oststadt verteilt sich das Restaurant etwas verwinkelt auf mehrere Ebenen mit Plätzen an der Bar direkt im Eingangsbereich.
Sven Holthaus, der das Haus seit 2018 führt, bietet ein Menü in fünf oder sechs Gängen an (130€ / 140€), das auch vegetarisch erhältlich ist und mit einigen Extragängen ergänzt werden kann.
Zum Apéritif, für den der Service freundlicherweise auch Optionen möglich macht, die nicht auf der Karte stehen, gönnen wir uns einige Austern, die zwar nicht so fleischig ausfallen wie die Exemplare am Vortag, aber dafür angenehm pur nur mit Zitrone serviert werden.
Die folgenden Fingerfood-Snacks werden gleichzeitig serviert. Eine Tartelette mit einer Creme auf Basis von Shiitake soll Lebergeschmack imitieren, was auch ganz gut gelingt. Zusammen mit Rote Bete gerät das intensiv, wenn auch etwas hart am Salz.
Originell die marinierte und panierte Karotte, die mit Wasabicreme eine pikante Schärfe erhält.
Beim Windbeutel mit Granny Smith , Meerrettich und einem Chip von Comté herrscht vor allem ein knuspriges Mundgefühl vor.
In Summe drei gut gelungene vegetarische Happen.
Beim abschließenden warmen Gruß trifft ein Chawanmushi auf Basis eines Pilztees auf Blumenkohl, Edamame, Pak Choi und Seetangkaviar. Das ergibt ein weiches und fülliges Geschmacksbild.
Das nun servierte Dinkelsauerteigbrot ist recht dunkel und lecker, aber auch ziemlich kompakt und sättigend. Dazu gibt es aufgeschlagene Butter mit Rote Bete Staub.
Auch der erste Gang des Menüs bleibt vegetarisch und stellt ein wenig beachtetes Gemüse in den Mittelpunkt. Butterrübe, aus der Familie der Steckrübe, wurde in brauner Butter konfiert, findet sich als Püree, gepickelt und als Ragout mit Paprika in einem sehr würzigen und herzhaften Sud, der an Gulasch erinnern soll. Eine mit Sake abgeschmeckte Beurre Blanc von der Butterrübe steuert eine feine Säure bei und Haselnüsse etwas Crunch. Das ist eine spannende Produktdeklination mit tollen Texturen und einem sehr lange nachhallenden Geschmack, der vor allem vom Gulaschsud herrührt. Ausgezeichnet.
Weiter geht es mit Skrei, der zwei Stunden mariniert und dann sanft gebraten wurde. Anschließend wurde er mit Fischsauce lackiert, was den kräftigen Charakter unterstützt. Butternutkürbis begleitet das als Püree, Ragout und als Nage, die mit Sanddorn verfeinert wurde, was eine erkennbare Säure ins Spiel bringt. Dazu gibt es noch Pak Choi, eingelegte Buchenpilze und Selleriestroh. Togarashi ist als Gewürz zwar angekündigt, aber für uns nicht wirklich erkennbar. In Summe eine schöne Kombination, erneut cremig und füllig, mit winterlichem Touch.
Es folgt auf den Punkt gebratener Lammrücken mit schönen Röstaromen und dem faschierten Keulenfleisch im Wan Tan. Als Beilage gibt es Auberginenpüree mit schwarzem Knoblauch, das mir gut gefällt, was etwas heißen will, da Aubergine nicht wirklich zu meinen Lieblingsgemüsen gehört. Die Sauce ist mit der gerade schwer angesagten koreanischen Würzpaste Gochujang abgeschmeckt, was nach hinten raus für eine angenehme Schärfe sorgt. Aber die ist nicht dominant und stört nicht den runden und harmonischen Gesamteindruck.
Ähnlich präsentiert sich der Hauptgang mit gegrilltem Rinderrücken. Auf einem mit viel Nussbutter hergestellten Petersilienwurzelpüree findet sich eine gefüllte Morchel und dazu gibt es ein kleines Bouquet aus mit Mangold umwickelter Petersilienwurzel, Radicchiosalat und Brunnenkresse. Die Rinderjus dazu ist schön konzentriert und klassisch, wie auch das gesamte Gericht recht traditionell in Szene gesetzt ist. Technisch ist das ohne Zweifel einwandfrei, aber dass zwei recht vergleichbare Fleischgänge im Menü nacheinander folgen, finde ich ein wenig suboptimal.
Im Pré-Dessert hat jahreszeitlich passend Orange die Hauptrolle als Sorbet, Salat und Schaum. Pandan sorgt für einen leicht exotischen Touch und Thymianshortbread bringt etwas Crunch. Das ist gut gemacht und, wie es sein soll, angenehm frisch und kühlend.
Da wir uns für die Fünfgang-Version entschieden haben, gehen wir beim Dessert getrennte Wege. Für mich soll es der Käsegang sein in Form eines gut gereiften Camemberts, der mit einer Trüffelfarce gefüllt. Begleitet ist das von Rote Bete, die pur und als Ragout verarbeitet ist. Letzteres soll mit Thai Curry abgeschmeckt sein, was für mich nicht herauszuschmecken ist. Ein gebackenes Käsebällchen sowie Brotchips für Crunch runden das ab. Ein guter zubereiteter Käsegang.
Das süße Dessert fällt in Summe gar nicht so süß aus. Nashibirne, die in einem Birnen-Sushiingwersud gegart wurde, ist kombiniert mit Yuzu-Joghurt-Eis, einer Buchweizenhippe, Topinamburcreme und Cassisreduktion. Das ergibt eine recht säuerlich-frische Aromatik, die als Abschluss des Menüs gut funktioniert.
Die finalen Petit Fours bedienen dann noch einmal den süßen Gaumen. Auf einem Sablé Breton sind eine schwarze Sesammousse, Physalis und Creme geschichtet. Das ist hübsch anzuschauen, bleibt aber für meinen Geschmack dennoch etwas unauffällig. Prägnanter ist da schon die Praline am Stiel mit Passionsfrucht und entkoffeiniertem Kaffee. Am besten gefallen mir die Madeleines mit luftigem Vanilleschaum.
Sven Holthaus und sein Team bringen eine Farbe in die kulinarische Landschaft Hannovers, die von den übrigen ausgezeichneten Restaurants in dieser Form nicht abgedeckt wird. Seine Küche ist weder avantgardistisch noch minimalistisch, sondern eher französisch klassisch basiert. Hier und da asiatische Aromen verleihen den Gerichten einen modernen Touch, ebenso wie die aufwändigen Deklinationen einzelner Produkte, wie die Butterrübe oder den Butternutkürbis.
Das ist handwerklich einwandfrei, harmonisch komponiert und spart nicht an Detailreichtum, wenngleich ich mitunter den Eindruck habe, dass man hier auf jedem Teller fast zu viel zeigen und unterbringen möchte und etwas Reduzierung dem ein oder anderen Gang gut tun würde. Der Stern ist aber allemal angemessen.
Der Service, der hier von mehreren Personen ausgeführt wird, ist aufmerksam, präsent und um zugängliche Kommunikation bemüht. Prinzipiell wird hier wohl geduzt, wobei man, zumindest an unserem Tisch, mitunter zwischen duzen und siezen durcheinander kommt. Bei aller Freundlichkeit wirkt das dann eben doch auch nicht immer authentisch. Aber vielleicht sind wir an diesem Abend auch einfach nicht ganz so empfänglich für diese Art. Die Stimmung im vollbesetzten Restaurant ist jedenfalls lebhaft und alle scheinen sich wohlzufühlen. Um nicht missverstanden zu werden: Auch wir haben uns nicht unwohl gefühlt, denn der Service hat sich gut um uns gekümmert, vielleicht sogar ein wenig zu sehr bemüht.
So denke ich noch einige Tage später über den Abend nach. Wie ordne ich es ein, wenn es eigentlich nichts zu beklagen gibt, aber man dennoch das diffuse Gefühl hat, dass irgendetwas fehlt? Das Essen ist gut, der Service macht seine Sache ordentlich, aber der Funke springt nicht recht über. Nehmen wir es als subjektive Momentaufnahme. Und die kann beim nächsten Menü schon wieder ganz anders ausfallen.
Details
| Restaurant: | Marie |
| Adresse: | Wedekindplatz 1, 30161 Hannover |
| Öffnungszeiten: | Dienstag - Donnerstag: 18.00 - 22.00 Uhr Freitag + Samstag: 18.00 - 23.00 Uhr Sonntag + Montag: Ruhetag |
| Website: | www.restaurantmarie.de/ |
Schlagworte
französisch, Hannover, kreativ, Marie, Michelin, Sven Holthaus
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