Diergardts Kühler Grund, Hattingen
Am 8. Juli 2026 in Deutschland | 240 Aufrufe
Hattingen – nicht unbedingt der erste Ort, der mir einfällt für einen kulinarischen Kurztrip. Andererseits hat das Ruhrgebiet durchaus seine Reize und von der Altstadt heißt es, dass es eine der zauberhaftesten in der Region ist. Und das kann man durchaus unterschreiben, auch wenn sie eine doch recht überschaubare Größe hat.
Aber unser eigentliches Ziel ist ein Restaurant, das nicht nur vom Michelin empfohlen wird, sondern auch immer wieder äußerst positiv von Gastrokollegen und anderen Bekannten erwähnt wird.
Nun denn, also auf nach Hattingen ins Diergardts „Kühler Grund“, gelegen etwas außerhalb der Innenstadt und mit dem Bus aufgrund von Baustellen derzeit nicht gerade einfach und nur mit respektablem Fußweg zu erreichen. Reist man mit dem Auto an, wird man allerdings überrascht sein über die die Größe des Parkplatzes. Betritt man dann aber das stattliche Haus, erklärt sich das schnell. Denn das Restaurant verteilt sich über mehrere Räume, allesamt in geschmackvollem und sehr gepflegtem Landhausstil gehalten. Einen größeren Raum für Veranstaltungen gibt es auch noch. Man kann sich gut vorstellen, wie hier Hochzeiten und Konfirmationen gefeiert werden.
Überhaupt fühlt man schnell, dass dies ein Familienbetrieb mit Tradition ist. Der Service ist erkennbar geschult und ausgesprochen freundlich, immer mal wieder beim Servieren auch unterstützt von Familienmitgliedern. In mittlerweile vierter Generation steht Philipp Diergardt verantwortlich in der Küche. Und er steht für eine Karte, die ganz überwiegend traditionelle Gerichte bietet, wie man sie in einem solchen Haus auch erwarten würde. Aber hier und da finden sich auch kreative Ausflüge wie Sashimi vom Thunfischbauch mit Passionsfruchtvinaigrette. Auch vegetarische und sogar vegane Optionen hält man bereit. Ein Viergang-Menü ist für 74 Euro zu haben, die À la Carte-Preise etwas gehoben, aber nicht abgehoben. Extrem gastfreundlich kalkuliert ist die Weinkarte, für die sich der Besuch alleine schon lohnen würde.
Zum Start gibt es sehr gutes, helles Sauerteigbrot mit schöner Krume, dazu etwas feste, aber ebenfalls gute Butter, Olivenöl und Würzsalz von Ingo Hollands „Altem Gewürzamt“, ein erster deutlicher Fingerzeig, dass man es hier mit der Qualität sehr genau nimmt.
Wie kaum anders zu erwarten, greift meine bessere Hälfte zum Apéritif bei den Austern zu, hier die ganz formidablen Irish Mór, die mit Zitrone und Worcestershiresauce serviert werden.
Los geht es dann mit Scheiben vom rosa gebratenen Kalbstafelspitz, wunderbar zart und rosa auf den Punkt gegart, dazu ausgewählt kleine Pfifferlinge, Radieschen und eine aromatische Kräutersauce. Das ist sehr akkurat und klassisch fein zubereitet.
Ich starte mit dem Emder Matjes, der in drei ordentlichen Stücken auf einem Bett von Salat aus grünen und gelben Stangenbohnen kommt. Am Boden findet sich noch eine dünne Scheibe Schwarzbrot, die zwar traditionell zum Matjes passt, aber hier relativ schnell durchgeweicht ist vom Salat und der üppig bemessenen Estragon-Senf-Creme. Auch die Menge an Kresse ist etwas arg großzügig, stört aber nicht wirklich. Gut gefallen mir die Röstzwiebeln und die gepickelten Zwiebeln, wie die gesamte Kombination mit den Bohnen gut passt. Dazu ist die Qualität des Matjes, zart und mild, ausgezeichnet.
Von einem Zwischengang, mit dem ich liebäugele, rät mir die sehr freundliche Bedienung aufgrund der Portionsgrößen eigentlich ab, aber die Artischockensuppe reizt mich dann doch so sehr und wir beschließen, sie zu teilen. Die Küche ist dann tatsächlich so freundlich, sie auch gleich auf zwei Tellern anzurichten. Es sind solche Kleinigkeiten, die einen außergewöhnlichen Service auszeichnen.
Als Einlage dienen weich gegarte Stücke von der Artischocke, gehäutete Kirschtomaten und Hummerstücke. Am Tisch angegossen wird dann eine sehr samtig weiche Artischockencremesuppe mit typischem Eigengeschmack. Das ist sehr ausgewogen und fein.
Im Hauptgang soll es dann für meinen Mann die Bouillabaisse sein. Im Teller findet sich die großzügige Einlage aus diversen Fischfilets, Garnele und Jakobsmuschel, separat in der Cocotte die eigentliche Suppe, die man sich selbst portioniert. Sauce Rouille und geröstetes Brot komplettieren das Gericht. Während die Einlage tadellos gegart ist, lässt die Suppe selbst, obwohl dicht und gehaltvoll, den typischen Fisch- und Krustentiergeschmack vermissen und ist nach meinem Eindruck etwas zu tomatig. Dafür sind die Sauce Rouille und das offenbar in Butter geröstete Brot top. In Summe ist das aber gut.
Auch ich mache mit Fisch weiter und zwar den Filets von der Nordseescholle. Die sind sorgfältig und punktgenau gebraten. Die Hitze der Filets reicht zum leichten Garen der Kopfsalatblätter offenbar aus. Als Auflage dient eine Vinaigrette aus fein geschnittenen Garnelen, Forellenkaviar und Kräutern. Die cremige Sauce mit feiner Säure umspielt das gekonnt. Separat gibt es dazu gut abgeschmeckte Schnittlauchgraupen, die vermutlich mit etwas Käse leicht abgebunden sind. Ich mag Graupen ohnehin sehr gerne und diese sind für sich genommen schon sehr gut. Zu dem schönen Gericht sind sie zudem eine ausgezeichnet passende Beilage.
Der Service hatte zu Beginn durchaus Recht, was die Mengen angeht und so entscheidet sich mein Mann nur noch für eine Kugel Limettensorbet, aufgegossen mit einem mallorquinischen Gin, der ordentlich Wumms zum sehr ordentlichen Sorbet bringt.
Für mich sollen es zum Schluss glasierte Kirschen sein, die von einer Creme von weißer Schokolade und Mascarponeeis begleitet sind. Dazu Crumble von Pistazien und eine Hippe für den Crunch sowie kandierte Orangenschale. Das ist vor allem durch die Schokoladencreme eine ziemlich reichhaltige Angelegenheit, aber in sich stimmig, lecker und sehr sorgfältig gearbeitet.
So geht ein Abend zu Ende, der kaum Anlass zum Meckern bot. Gut, bei der Bouillabaisse vermissten wir etwas den typischen Geschmack, aber das mögen andere auch anders empfinden. Ansonsten bietet das „Diergardt“ eine Küche, die Wert auf ausgezeichnete Produkte legt sowie geradlinig und einwandfrei gearbeitet ist. Der Service ist tadellos und herzlich, die Abläufe stimmen, selbst wenn, wie an diesem Mittwoch, noch eine Veranstaltung zu bewältigen ist und das Ambiente ist stilvoll. Damit ist das „Diergardt“ ein gutbürgerliches Restaurant im besten Sinn, wie man es sich wünscht.
Details
| Restaurant: | Diergardts Kühler Grund |
| Adresse: | Am Büchsenschütz 15, 45527 Hattingen |
| Öffnungszeiten: | Mittwoch - Freitag: 18.00 - 23.00 Uhr Samstag & Sonntag: 12.00 - 23.00 Uhr (Küche 12.00 - 14.00 Uhr & ab 18.00 Uhr) Bestellschluss: 21.00 Uhr Montag & Dienstag: Ruhetag |
| Website: | www.diergardt-hattingen.de |
Schlagworte
deutsche Küche, Diergardts Kühler Grund, gutbürgerlich, Hattingen, Landhaus, Philipp Diergardt
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