KARRisma, Lindau
Am 8. August 2026 in Deutschland | 143 Aufrufe
Julian Karr ist ein Koch und Gastgeber, der mit seiner Präsenz und seinem nicht gerade dezent ausgeprägten Selbstbewusstsein schon über Ausstrahlung verfügt. So gesehen, ist der Restaurantname „KARRisma“ nicht nur originell, sondern durchaus auch passend gewählt.
Nach Stationen bei diversen namhaften Köchen, darunter Jörg Sackmann, Martin Fauster, Nils Henkel auf Schloss Lerbach, Dieter Koschina in der Villa Joya und im väterlichen Betrieb in Langenargen eröffnete er 2017 sein eigenes Restaurant im Boutique-Hotel Adara auf der Insel in Lindau am Bodensee. Seit 2024 ist das Haus mit einem Michelinstern ausgezeichnet.
Angeboten wird ein Menü in fünf oder sechs Gängen zu recht sportlichen 155€ bzw. 179€, Bodenseezuschlag wohl schon inklusive. Auszusuchen gibt es also nicht viel. Allerdings gehört es wohl zum Prinzip, dass der sechste Gang als Überraschungsgang deklariert wird.
Den Auftakt macht jedoch erstmal Baguette mit einer aufgeschlagenen Bärlauchbutter und einer ganz ausgezeichneten Aioli, die so gut ist, dass ich mir davon noch mal nachbestelle. Sie lässt mich auch über das eben noch passable Brot hinwegsehen. Angesichts des Preisniveaus und eigenen Anspruchs hätte ich mir hier etwas Hochwertigeres gewünscht.
Außerhalb der Karte hat man hier immer auch Austern aus der Normandie im Angebot. Die kommen ganz pur, nur mit etwas Zitrone, auf den Tisch und damit genau so, wie wir es gerne haben.
Die Austernschale begegnet uns auch beim Amuse Bouche wieder, in der sich eine Fischmousse mit Rote-Bete-Salat, geräuchertem Lachs und einem dünnen Brotchip findet. Der Eigengeschmack der Komponenten ist typisch und die Kombination harmonisch.
Im ersten Gang des Menüs spielt Tomate die Hauptrolle, die zu dieser Zeit ihren Saisonhöhepunkt hat. Im Zentrum des Tellerensembles findet sich eine Mousse in Tomatenform, die handwerklich und auch geschmacklich sehr schön gearbeitet ist. Das Drumherum aus dünn geschnittenen bunten Tomaten, Zucchiniröllchen und einem länglichen Streifen Balsamicogelee sowie einigen Scheiben San Daniele-Schinken ist zwar passend, aber jetzt auch nicht von allerhöchster Kreativität. Dazu kommt, dass wir Tomaten, vor allem die eher seltener zu bekommenden Sorten, sehr lieben, aber festgestellt haben, dass es eine gewisse Dicke braucht, damit ihr Eigengeschmack auch richtig Wirkung zeigen kann. Und hier hätten die Scheiben durchaus stärker sein dürfen. So bleibt eine leichte, sommerliche Vorspeise, die vom Kreativitätspotential noch gut Luft nach oben hat.
Es folgt der Überraschungsgang mit einem Tatar vom Thunfisch, das mir recht naturell belassen scheint, das Ganze auf einer Avocadocreme und mit Brotchips. Angegossen wird eine sehr säurebetonte Soja-Ingwer-Champagner-Vinaigrette, die den notwendigen Kontrapunkt zum guten, aber eben auch neutral gehaltenen Fisch liefert. Eine schöne aromatische Steigerung.
Vegetarisch geht es weiter mit einer Buttermilch-Stachelbeer-Kaltschale, in der die Stachelbeeren zwar nicht explizit auszumachen sind, was vor allem daran liegt, dass sich das mit 15 Gewürzen sehr kräftig abgeschmeckte Rote Bete-Sorbet deutlich breit macht. Kräuteröl und ein Tapiokachip runden das Gericht ab. Das Sorbet fällt zwar nicht so exotisch aus wie angekündigt, hat aber einen für Rote Bete fast untypisch fruchtig intensiven Geschmack. In Kombination mit der Kaltschale ist das sehr lecker und ausgesprochen gelungen.
Sehr schön gerät auch der folgende kross auf der Haut gebratene Zander auf Pfifferlingsragout und Blattspinat. Etwas getrocknete Aprikose steuert einen dezent fruchtigen Akzent bei. Die schaumige Pfifferlingsauce, die so reichlich auf den Teller gegeben wurde, dass sie auch als Suppe durchgehen könnte, ist intensiv und elegant gleichermaßen. Das ist klassisch und in allen Elementen sehr gut gearbeitet.
Im Hauptgang folgt nun Entenbrust, gut rosa gebraten, aber für meinen Geschmack erneut in zu dünnen Tranchen geschnitten, um ausreichend Geschmack zu zeigen auf einem Ragout von süß-sauer eingelegter Paprika. Das gerät sehr würzig und mit gutem Biss. Dazu gibt es zweierlei Saucen, einmal eine geschäumte Sauce von geräucherter Paprika und Chorizo sowie eine kräftige, dunkle Szechuanpfefferjus. Auch die gebratene Polentaschnitte passt als Beilage sehr gut. Das ist in Summe stimmig und lecker, aber es ist etwas schade, dass die Ente durch den, nennen wir es mal, optimierten Wareneinsatz nicht die Hauptrolle spielen konnte, die ihr eigentlich gebührt hätte. Da wir eine Woche zuvor in Hamburg in einem unbesternten Restaurant auch Entenbrust hatten, die zwar aromatisch ganz anders angelegt war, aber eben in deutlich dickeren Tranchen serviert wurde, waren wir uns im Vergleich einig, dass uns die vom Mundgefühl mehr überzeugen konnte.
Ohne Umwege geht es dann auch zum Dessert, in dem eine leichte Schokoladenmousse begleitet ist von Beeren, die mir zwar nicht mariniert erschienen, die aber auch pur gut passten. Dazu gibt es Himbeerparfait in Himbeerform sowie ein gut gemachtes Sauerrahmeis. Etwas Sponge bringt zwar wie so oft geschmacklich nicht sonderlich viel, vermag aber den ein oder anderen optisch noch zu beeindrucken. So ist auch dieses farbenfrohe und sommerliche Ensemble ordentlich gearbeitet, aber von der Kombination her auch etwas brav.
Und irgendwie trifft das auf fast jeden Gang zu. Die Küche im „KARRisma“ ist handwerklich ohne Makel, im Kern relativ klassisch, aber eben auch etwas überraschungsarm. Natürlich könnte man darüber streiten, ob Tomaten oder Fleisch in dickeren Scheiben eine bessere Figur gemacht hätten, aber lassen wir das mal als Nebensächlichkeit beiseite. Die Saucen sind durchweg von schöner Tiefe, die Gargrade gut getroffen und die Kombinationen harmonisch.
Aber wenn man auf der Homepage doch ziemlich vollmundig Selfpromotion betreibt, schürt man zwangsläufig Erwartungen, die dann auch eingehalten werden wollen.
Zitat: „Julian Karr ist ein preisgekrönter Michelin-Sternekoch, dessen außergewöhnliches Gespür für Geschmack und künstlerische Komposition ihn zu einem der führenden Köche unserer Zeit gemacht hat.“ So ähnlich geht es dann noch mit „Innovationskraft“ und „wahren Kunstwerken“ weiter. Gemessen daran, vielmehr noch im Vergleich zu anderen Restaurants mit Stern und ähnlichem Preisniveau, präsentiert sich die Küche im „KARRisma“ dann doch eher solide. Ein paar Moldbrother-Formen alleine machen Gerichte eben nicht zwangsläufig kreativer.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Wir hatten einen angenehmen Abend. Julian Karr ist als Gastgeber fast ausschließlich im Gastraum präsent und unterstützt das aufmerksame Service-Team, indem er Gerichte präsentiert, Saucen aus überdimensionierten Kannen angießt und gleichzeitig den Sommelier gibt. All das sorgt für eine persönliche Atmosphäre, in der man sich wohl fühlt. Nur muss man die Versprechen, die man auf der Homepage mit großen Worten gibt, halt auch einlösen, um wirklich begeistern zu können.
Details
| Restaurant: | KARRisma |
| Adresse: | Alter Schulplatz 1, 88131 Lindau |
| Öffnungszeiten: | Dienstag - Samstag: 17.00 - 24.00 Uhr Sonntag + Montag: Ruhetag |
| Website: | www.karrisma-lindau.de |
Schlagworte
Bodensee, Julian Karr, KARRisma, Lindau, Michelin, moderne Klassik
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