Gasthaus Stollenwerk, Köln

Was kommt, wenn man beruflich bereits alles erreicht hat, was man sich vorgenommen hat? Von 1997 bis 2012 hat Bernd Stollenwerk die Küche im „Gut Lärchenhof“ in Pulheim geleitet und in der Zeit einen Michelin-Stern für das Haus erkocht und regelmäßig verteidigt. Wer über so lange Zeit auf höchstem Niveau abgeliefert hat, braucht sich und anderen nichts mehr beweisen. In den Stationen, die danach folgten, das „Casino im Zollverein“ in Essen, das „Nada“ in Köln oder das „Gasthaus Stromberg“ in Waltrop wollte Stollenwerk dann zwar noch anspruchsvoll kochen, aber nicht mehr nach den Sternen greifen.

Seit Anfang 2020, also genau zum ersten Lockdown, ging es dann zurück nach Köln und hinein in die Selbständigkeit. Nicht gerade der beste Zeitpunkt, wenn man bedenkt, was auch in 2021 noch folgen sollte. Aber mit dem „Gasthaus Stollenwerk“, einem Gasthaus mit blanken Tischen, das eine gehörige Portion Nachbarschaftskneipenflair atmet, befreit sich Stollenwerk ganz offenbar von Zwängen, die auf jemandem lasten könnten, an den aufgrund seiner Vita besondere Erwartungen gestellt werden.

Sicher, hier geht eindeutig mehr Kölsch als Wein über den Tresen und die Weinkarte bleibt mit einer überschaubaren Auswahl an überwiegend deutschen Flaschen im Gutsweinbereich konsequent unterhalb der 30 Euro-Grenze, aber mit der klug zusammengestellten Karte aus Klassikern der bürgerlichen Küche und einigen Ausflügen in den Crossover-Bereich, setzt man sich dann eben doch von einer schnöden Kneipenküche ab. Dass man trotzdem auch Burger oder Currywurst im Angebot hat, trägt dem sehr gemischten Publikum und vermutlich auch dem eigenen Lustprinzip Rechnung.

Neben einem Dreigang-Menü für 35 Euro gibt es eine Auswahl an Vorspeisen von 10 bis 15 Euro, Hauptgerichte starten bei 19 Euro und überschreiten die 30 Euro-Marke nicht, Desserts liegen bei 6 bis 8 Euro.

Zum Auftakt gibt es Brot, Maldon Salz, Olivenöl und einen Aufstrich – alles von guter Qualität.

Brot, Olivenöl, Maldon-Salz & Dip
Brot, Olivenöl, Maldon-Salz & Dip

Bei unserem ersten Besuch an einem Sonntag Abend starten wir mit einem Sashimi vom Thunfisch, der mit Sesamvinaigrette leicht asiatisch angemacht ist. Die großzügig bemessenen Scheiben überzeugen mit tadelloser Qualität, die Mayonnaise-artige Creme und vor allem der separat gereichte Gurkensalat mit Wasabidressing sind eine passende Ergänzung.

In mediterrane Gefilde geht es mit Oktopus. Damit kann man mich immer kriegen und wenn er so gut gemacht ist wie hier, erst recht. Er ist gut gebraten und ausreichend zart. Tomaten und Bärlauchpesto bringen frühlingshaft kräftige Akzente auf den Teller. Eine mit Ziegenfrischkäse gefüllte Frühlingsrolle sorgt nicht nur für knusprige Textur, sondern unterstützt den Mittelmeer-Charakter gekonnt.

Oktopus | Ziegenkäse- Frühlingsrolle | Tomaten-Bärlauch-Salat
Oktopus | Ziegenkäse- Frühlingsrolle | Tomaten-Bärlauch-Salat

Weiter geht es für meinen Mann mit einem deftigen Hauptgang. Das geschmorte Kalbsbäckchen ist gut gewürzt und makellos gegart. Den Schmorsud belässt Bernd Stollenwerk relativ naturell, was dem Gericht gut tut, denn vor allem mit den originellen Bärlauch-Maultaschen und Champignons bekommt das Gericht zusätzliche herzhafte Mitspieler. Ein gelungenes Gericht.

Geschmortes Ochsenbäckchen | Bärlauch-Maultaschen | Champignons
Geschmortes Ochsenbäckchen | Bärlauch-Maultaschen | Champignons

Ich freue mich, dass es Cordon Bleu gibt. Viel zu selten findet man es für meinen Geschmack auf hiesigen Karten. Die Füllung mit Taleggio und Schinken bringt gute Würze zum hervorragenden Schwein. Auch Pommes und Salat sind mehr als ordentlich gemacht. Dennoch kommt diese Version nicht ganz an meine Referenz heran, die ebenfalls in Köln zu bekommen ist und zwar in der „Brasserie Marie“, aber auch dieses Cordon Bleu spielt eindeutig in der oberen Liga mit.

Cordon Bleu vom Eifeler Schwein | Taleggio | Schinken | Pommes frites
Cordon Bleu vom Eifeler Schwein | Taleggio | Schinken | Pommes frites

An ein Dessert ist jetzt nicht mehr zu denken, aber schon dieser erste Besuch hat uns, auch aufgrund der lockeren und angenehmen Atmosphäre, so gut gefallen, dass wir gleich für’s nächste Mal reservieren.

An diesem Freitag Abend ist deutlich mehr los und es wäre vermutlich noch voller, wenn sich nicht an diesem Tag permanente Schauer und starker Wind mit Sonne abwechseln würden.

Für eine Mahlzeit auf der Terrasse ist es damit zu kühl und unbeständig, aber bei schönem Wetter lässt es sich hier sicher gut aushalten.

Wir starten heute mit dem Raviolo von Garnelen im Apfelsud mit Curryschaum. Auch wenn die Füllung einen schönen typischen Geschmack aufweist, überzeugt mich das Gericht nicht wirklich. Der Teig ist für meinen Geschmack zu dick und fest geraten. Der Apfelsud fügt sich in seiner säuerlichen Fruchtigkeit nicht recht harmonisch ein und auch der Curryschaum ist zu wenig Schaum und zu wenig markant, als dass er Akzente setzen könnte. Dafür vermischt er sich recht unansehnlich mit dem Sud. Die Grundidee ist gar nicht verkehrt, aber in Details und Umsetzung hat dieser Teller noch deutlich Luft nach oben.

Raviolo von Garnelen | Apfelsud | Curryschaum
Raviolo von Garnelen | Apfelsud | Curryschaum

Da gefällt mir mein Spargelsalat deutlich besser. Etwas irritiert mich zwar, dass er lauwarm serviert wird, da ich ihn lieber kalt mag. Aber nach und nach gewöhne ich mich daran und kann dem doch etwas abgewinnen. Die Burrata ist von schöner Cremigkeit und bekommt mit Pesto einen kräftigen Touch. Die Hälfte des Käses hätte für die Portion auch vollkommen gereicht, aber da die Burrata von guter Qualität ist, will ich mich nicht beklagen.

Spargelsalat | Burrata | Erdbeeren | Balsamico
Spargelsalat | Burrata | Erdbeeren | Balsamico

Im Hauptgang soll es heute für mich Kabeljau sein. Der kommt mit Erbsenschotenpüree und Kaiserschoten. Letztere haben zwar noch Biss, lassen aber in der Farbe schon ein wenig zu wünschen übrig. Die Sauce ist sehr aromatisch, hätte aber durchaus ein paar mehr von den Morchelstücken vertragen können. In Summe aber ein Gericht auf gutem Brasserie-Niveau.

Kabeljau | Erbsenschoten- Püree | Kaiserschoten | Morcheln | Pancetta
Kabeljau | Erbsenschoten- Püree | Kaiserschoten | Morcheln | Pancetta

Von der Spargelkarte wählt mein Mann selbigen mit neuen Kartoffeln und argentinischem Rumpsteak. Auch wenn man es auf dem Foto nicht sehen mag, handelt es sich hier um ein sehr kapitales Stück Fleisch von beeindruckender Dicke. Alles ist auf den Punkt zubereitet und gibt nicht den geringsten Anlass zur Klage.

Spargel | argentinisches Rumpsteak | neue Kartoffeln | Sauce Hollandaise
Spargel | argentinisches Rumpsteak | neue Kartoffeln | Sauce Hollandaise

Trotz der beachtlichen Portionsgröße hat auch meine bessere Hälfte heute noch Lust auf Dessert und mit der weißen Mousse au Chocolat trifft er auch genau die richtige Wahl, denn die Mousse ist erstaunlich luftig und alles andere als schwer. Das Rhabarberkompott dazu ist klassisch und eine unkomplizierte Ergänzung.

Weisse Mousse au Chocolat | Rhabarberkompott
Weisse Mousse au Chocolat | Rhabarberkompott

Ich mache mich an die Brüsseler Waffel und werde ebenfalls nicht enttäuscht. Sie ist natürlich frisch gebacken und von tollem markantem Aroma. Ein wenig Zimt schimmert durch, aber der Teig bringt auch so bereits genug Eigengeschmack mit – wirklich klasse. Dass daneben das Vanilleparfait etwas farblos bleibt, ist, auch angesichts der guten Erdbeeren, zu verschmerzen.

Brüsseler Waffeln | Erdbeeren | Vanille- Parfait
Brüsseler Waffeln | Erdbeeren | Vanille- Parfait

So geht auch der zweite Abend sehr zufriedenstellend zu Ende. Das „Gasthaus Stollenwerk“ hat durchaus das Zeug, eine regelmäßige Adresse zu werden, wenn man Lust auf unkomplizierte, aber nicht belanglose Küche hat und oder einfach nur zum Wein oder Kölsch etwas Anständiges essen möchte. Ich würde wetten, dass auch Currywurst und Burger hier durchaus Spaß machen. Für uns auf jeden Fall eine sympathische Stadtteilentdeckung.

Details

Restaurant: Gasthaus Stollenwerk
Adresse: Chamissostraße 2, 50825 Köln
Öffnungszeiten: Dienstag - Sonntag: 17.00 - 23.00 Uhr (Küche bis 22.00 Uhr)
Montag: Ruhetag
Website: www.stollenwerk-gasthaus.de/

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