L’Amitié, Antwerpen

Antwerpen ist nicht ohne Grund die kulinarische Hauptstadt Belgiens, noch weit vor Brüssel. Die Vielfalt an Gastronomien in dieser kunst- und modebegeisterten Stadt ist einfach beeindruckend. Und das Schöne ist, dass nicht nur im absoluten Spitzenbereich sympathische Entdeckungen zu machen sind. Im an Lokalen und Restaurants ohnehin nicht armen Zuid-Quartier entscheiden wir uns dieses Mal für das „L’Amitié“, das sich dem Sharingkonzept verschrieben hat.

Stijn de Smet hat eine Karte zusammengestellt, die neben diversen Snacks, kalten und warmen Gerichten sowie Desserts auch eine Auswahl an Charcuterie, Käse und Dosenfisch bereithält. Pro Gast ist man mit zwei bis drei Gerichten gut dabei. Für die Unentschlossenen gibt es auch ein Überraschungsmenü zu 60 Euro pro Person, mit dem man zu zweit je zwei Snacks, kalte und warme Gerichte erhält. Wir jedoch wählen selbst und starten mit schön fleischigen Creuses Austern, die ganz pur und nur mit Zitrone serviert werden. Genau so, wie wir Austern am liebsten haben.

Creuses Austern
Creuses Austern

Als weiteren Snack wählen wir Softshell Crab, auch als Butterkrebs bekannt. Diese Art von Krebsen weist kurz nach der Häutung eine sehr weiche Schale auf, so dass diese essbar ist. Und so sind auch die hier leicht frittierten Stücke gleichermaßen knusprig, aber auch noch weich im Inneren und von feiner Süße, die mit den Zitrusnoten einen guten Gegenpart bekommt. Eine unkomplizierte und leckere Knabberei.

Softshell Crab, Zitrus
Softshell Crab, Zitrus

Als erster der kalten Gänge folgt Bruschetta mit geräuchertem Lachs. Der Rauch wurde unter eine Cloche gegeben, so dass der Fisch selbst nur ein zartes Raucharoma erhält. Auf dünnen, sehr knusprigen Brotscheiben findet sich eine Frischkäsecreme, auf dem Fisch noch eine grüne, etwas undefinierbare, vermutlich kräutrige Creme. So ergibt sich trotz des krossen Brotes insgesamt ein eher weiches Mundgefühl. Nicht unangenehm, aber unterm Strich dann trotz des Showeffektes eben doch auch etwas unspektakulär.

Bruschetta, geräucherter Lachs, Frischkäse, Basilikum
Bruschetta, geräucherter Lachs, Frischkäse, Basilikum

Sehr viel überzeugender gerät da das Tataki vom Rind in dünnen Scheiben und angemacht mit Sojasauce, Sesam und Wasabi. Zusammen mit Daikonrettich und eingelegten Buchenpilzen ergibt sich so eine sehr würzige, japanische Aromatik, die dem Fleisch sehr gut steht. Für uns der beste Teller des Abends.

Tataki, Buchenpilze, Wasabi, Daikon
Tataki, Buchenpilze, Wasabi, Daikon

Weiter geht es bei den warmen Gerichten mit Jakobsmuscheln. Auf der Karte angekündigt sind zwar Pastinaken, aber tatsächlich sind sie begleitet von Knollenziest, einem Gemüse, dem man in Restaurants leider viel zu selten begegnet. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob der etwas mehlige Charakter wirklich optimal zu den kräftig angebratenen Jakobsmuscheln passt, aber in Kombination mit der Creme von schwarzem Knoblauch und der sehr aromatischen, nahezu fleischigen Sauce geht das schon in Ordnung. So ist das eine ungewohnt dunkle, aber durchaus stimmige Aromatik für das feine Muschelfleisch.

Jakobsmuschel, Knollenziest, schwarzer Knoblauch
Jakobsmuschel, Knollenziest, schwarzer Knoblauch

Die Rippchen vom Ibericoschwein, die als nächstes folgen, sind gut mariniert. Ingwer, den wir nicht explizit ausmachen, Erdnuss und vor allem Teriyaki geben dem zarten Fleisch, das sich perfekt von den Knochen lösen lässt, einen angenehm süßlichen Touch. Die Fleischqualität gefällt mir sehr gut, aber insgesamt bleibt das aromatisch doch etwas hinter den Erwartungen zurück. Frühlingszwiebeln und Erdnüsse sind dafür sehr präsent.

Ibericorippchen, Ingwer, Erdnuss, Teriyaki
Ibericorippchen, Ingwer, Erdnuss, Teriyaki

Eigentlich sind wir mit unserer Bestellung jetzt durch, aber auf ein herzhaftes Gericht habe ich dann doch noch Lust und so ordern wir noch das Millefeuille von Kartoffel mit Schnittlauch und Trüffel. Der Teller präsentiert sich dann ein wenig anders als erwartet, da der Trüffel in der begleitenden Sauce verarbeitet ist, dafür in sehr intensiver Form und hocharomatisch. Farblich gleichen sich Sauce und Tellerfarbe sehr an, so dass man sie auf dem Bild kaum ausmachen kann. Aber sie war durchaus großzügig vorhanden. Auch der Schnittlauch findet sich lediglich als Öl in der Sauce wieder. Den hätte ich mir frisch auf der ganz ausgezeichnet gebackenen Kartoffelschnitte zwar besser vorstellen können, aber das ist nur eine Petitesse. Dafür bekommt das Millefeuille etwas Parmesan als Auflage, was den Umamicharakter des Gerichtes unterstützt. Gut gemacht und lecker.

Kartoffel, Schnittlauch, Trüffel
Kartoffel, Schnittlauch, Trüffel

Die Desserts, die die Karte auflistet, sind allesamt Klassiker wie Crème Brûlée, Tarte Tatin, Dame Blanche oder Crêpe Suzette. Auch wenn die Küche sie womöglich neu interpretiert, reizen sie uns heute nicht. Dafür entscheiden wir uns zum Schluss für eine Auswahl von fünf Käsen. Die sind gut zusammengestellt, zwar anfangs noch etwas zu kalt, aber das gibt sich relativ schnell, so dass sie dann mit Genuss zu essen sind. Das Früchte-Nuss-Brot dazu ist leicht geröstet und passt gut, auch wenn ich es wie üblich zum Käse gar nicht benötige. Gleiches gilt auch für sonstige Beilagen, die gerne zum Käse gereicht werden, aber das hier servierte Mandarinenchutney ist wirklich gut, so dass ich es gerne auch solo esse.

Käseauswahl
Käseauswahl

Sharingkonzepte versprechen unkomplizierten Genuss und auch hier ist das nicht anders. Die Beschreibungen klingen in der Karte zwar mitunter verwegener und aufregender, als die Gerichte es dann tatsächlich einlösen können. Aber geschmeckt hat es uns durchgehend und auch qualitativ hat sich die Küche keinen Ausreißer erlaubt. Die 13 Punkte, die der Gault Millau vergibt, sind durchaus angemessen.

Auch der junge, aufmerksame Service trägt einiges dazu bei, dass wir uns wohlgefühlt haben.

In Punkto Kreativität ist die „Henne.Weinbar“ in Köln zwar für uns nach wie vor der Benchmark, wenn es um ein solches Konzept geht. Auch preislich ist man dort noch um einiges günstiger, vor allem bei den warmen Gerichten. Aber würden wir in Antwerpen leben, könnte es durchaus sein, dass man uns hier öfter sieht. Wenn es nicht noch so unendlich viele andere Möglichkeiten gäbe.

Details

Restaurant: L'Amitié
Adresse: Vlaamsekaai 43, 2000 Antwerpen
Öffnungszeiten: Montag - Freitag: 12.00 - 13.30 Uhr & 18.00 - 21.30 Uhr
Samstag: 18.00 - 21.30 Uhr
Website: www.lamitie.net

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