Fuhrmann, Wien
Am 22. Juni 2026 in Österreich | 89 Aufrufe
Für einen Besuch der „Fledermaus“ in einer speziellen Pride Edition in der Volksoper führt uns der Weg nach fast drei Jahren relativ kurzfristig mal wieder nach Wien. Anreise am Montag bedeutet aber auch, es mit einem etwas eingeschränkten Angebot an relevanten Restaurants zu tun zu haben. Natürlich könnte man ins „Steirereck“, das an diesem Tag geöffnet hat, aber uns ist nach etwas Neuem.
Und so fällt die Wahl auf das „Fuhrmann“ im achten Bezirk, das bisher immer etwas unter unserem Radar gefahren ist. Einen Stern hat man zwar nicht, aber der Gault Millau vergibt mehr als respektable 16,5 Punkte. Darüber hinaus ist Inhaber Hermann Botolen mit seiner Weinkompetenz eine durchaus bekannte Größe im Land, denn der Falstaff kürte ihn in der Vergangenheit bereits zum Sommelier des Jahres. In der Küche ist zudem mit Mike Feierabend seit drei Jahren jemand verantwortlich, der in seiner Vita so renommierte Namen wie das „Tantris“, „Obauer“, „Palais Coburg“ und das „Landhaus Bacher“ vorzuweisen hat, bevor er zehn Jahre im Drei-Hauben-Restaurant „Bauer“ tätig war.
Das „Fuhrmann“ verfügt über zwei Gasträume, die eine rustikale Gemütlichkeit ausstrahlen, aber an diesem hochsommerlichen Tag ist auf der Terrasse eingedeckt, die sich ungemein stimmungsvoll präsentiert, gut geschützt von einem großen Sonnensegel, indirekt beleuchtet und mit Blick in einen zauberhaften Garten. Hier lässt es sich fabelhaft aushalten.
Die Karte listet ein Menü in fünf Gängen zu 100€ sowie eine schöne Auswahl an À la Carte-Gerichten, aus der wir uns unser Menü zusammenstellen. Mittags wird zudem ein Dreigang-Menü zu charmanten 41€ angeboten.
Das in Österreich zumeist übliche Gedeck bietet ein fabelhaft saftiges Sauerteigbrot, Butter und Beinschinken mit Kren.
Im ersten Gang startet mein Mann mit Alpensaibling, der offenbar mariniert, abgeflämmt und dann lackiert wurde. Er zeigt einen schönen Eigengeschmack und feste Struktur mit markanten Currybröseln als Topping. Die krosse Haut gibt es als Chip und dazu dünn gehobelten Kohlrabi, Sellerie als kleine Quader, ebenfalls relativ roh und nur leicht mariniert. Miesmuscheln fügen eine maritime Note bei und geräucherter Joghurt ergänzt das sehr abwechslungsreiche Ensemble mit fein säuerlicher Cremigkeit. Ein gelungener Start.
Ich freue mich jedes Mal, wenn es auf Karten Kalbskopf gibt, denn nicht allzu viele Köche machen sich die Mühe, ihn zuzubereiten. Hier kommt er als Terrine in dünnen Scheiben, mariniert und begleitet von Tomaten, Kräutercreme, Buchweizen für den Biss und einer warmen Krenkrokette. Eine säurebetonte Vinaigrette rundet das Gericht ab, das in sich sehr ausgewogen ist und sich ebenso abwechslungsreich und köstlich präsentiert.
Weiter geht es mit einer Radieschenkaltschale. Am Boden findet sich eine Radieschenmousse, eingefasst von krossen Schwarzbrotchips, Radieschenscheiben und Schafgarbe. Die angegossene Kaltschale weist eine feine, dezente Schärfe und schöne Textur auf. Ein erfrischendes, perfektes Sommersüppchen, das wir zuhause sicher nachbauen werden.
Das Makrelenfilet auf meinem Teller ist gebraten auf einem Kartoffel-Rucola-Püree und einer ebenfalls auf Kartoffel basierten Vinaigrette. Diverse Rübchen in Scheiben und am Stück ergänzen das kräftige Gericht, das zwar etwas rustikal, aber dennoch fein daherkommt.
Im Hauptgang entscheiden wir uns zum einen für die perfekt rosa gebratene Rehkeule, die in Scheiben geschnitten ist und auf einem Bett von Selleriepüree und grünen Bohnen platziert ist. Pfifferlinge und Brombeeren sind passende Begleiter für Wild und so wird daraus ein sehr akkurat zubereiteter, sehr klassischer und stimmiger Gang.
Zum anderen gibt es zweierlei vom Kalb, hier in Form eines auf den Punkt gebratenen und saftigen Rückens und einer mega-zart geschmorten Backe, die kein Messer benötigt. Das tolle Fleisch wird ergänzt von Morcheln, Kohlrabi, eingelegten Radieschen und Zitronen-Bandnudeln. Die Jus dazu ist von schönem Glanz und sehr kräftig im Geschmack. Das Gericht ist hoch-aromatisch und köstlich.
Obwohl die Gänge gut bemessen sind, haben wir noch Lust auf etwas Käse und so kommt es sehr gelegen, dass Hermann Botolen ein Brett mit einer Auswahl von internationalen Käsen, vor allem aus Italien und Frankreich präsentiert. Die Käse sind gut gereift und vermutlich aufgrund des immer noch warmen Abends zwangsläufig auch gut temperiert. Das Feigenchutney probiere ich nur der Ordnung halber. Mir ist es zu süß, aber da ich Käse eh am liebsten pur esse, verzichte ich darauf, ebenso wie auf das Brot.
Was ich ursprünglich als Pré-Dessert interpretiere, entpuppt sich dann doch quasi als Post-Dessert, denn eigentlich wollten wir an dieser Stelle noch aus der Karte etwas Süßes bestellen, sind dafür aber offenbar schon zu spät, denn die Küche hat bereits geschlossen. Ein wenig schade ist das schon, dass man uns das nicht rechtzeitig mitgeteilt hat und der Annahme war, dass wir Käse statt Dessert wählen würden. Aber so gibt es zumindest mit dem Sauerrahm, Erdbeeren und Waldmeistergelee eine süße Kleinigkeit. Das ist unkompliziert und nett, aber angesichts der Temperaturen hätte ich es mir deutlich kühler gewünscht.
So beschließen wir, den Abend mit einem Obstbrand ausklingen zu lassen, was im „Fuhrmann“ ohnehin zu empfehlen ist. Denn Hermann Botolen hat hier seine ganz besondere Passion. Die Karte listet auf mehr als zehn Seiten mehr als 300 Destillate – eine Auswahl, wie ich sie noch nirgendwo gesehen habe und bei der man ohne Beratung aufgeschmissen ist, wenn man nicht aufs Geratewohl etwas herausgreifen will. Wo andere bei Obstbränden preislich gerne mal ins hohe Regal greifen, sind hier die aufgerufenen Preise übrigens sehr zivil. Und wir sind mit unserer Wahl sehr zufrieden.
Auch die umfangreiche Weinkarte ist sehr gastfreundlich kalkuliert. Dazu kommt eine sehr kundige Beratung, die uns einen vorzüglichen Gemischten Satz, etwas passendes Offenes zum Fleisch und zum Käse bietet.
Die Küche von Mike Feierabend ist eindeutig klassisch französisch verortet, abwechslungsreich komponiert und handwerklich makellos. Ich habe keinen Zweifel, dass auch die Desserts das hohe Niveau der vorherigen Gänge hätten halten können. Jetzt wissen wir ja, dass wir die besser gleich zu Beginn ordern. Und dass es ein nächstes Mal geben wird, ist nach diesem sehr erfreulichen Abend eh klar.
Details
| Restaurant: | Fuhrmann |
| Adresse: | Fuhrmannsgasse 9, 1080 Wien |
| Öffnungszeiten: | Montag: 18.00 - 23.00 Uhr Dienstag - Freitag: 12.00 - 15.00 Uhr & 18.00 - 23.00 Uhr Samstag & Sonntag: Ruhetag |
| Website: | www. |
Schlagworte
Fuhrmann, Gault Millau, Hermann Botolen, Mike Feierabend, moderne Klassik, Weinkarte, Wien
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