Les Années Folles, Antwerpen
Am 11. Februar 2026 in Belgien | 230 Aufrufe
Etwas außerhalb des Stadtzentrums von Antwerpen findet sich der Stadtteil Berchem, der einen Mix aus attraktiven Jugendstilvillen und gesichtslosen Wohnhäusern bietet. Eher letzteres begleitet uns auf dem Weg zu unserem heutigen Ziel. Ein Restaurantschild oder den Namen findet man am Haus des „Les Années Folles“ vergeblich. Stattdessen verweist ein Hinweis an der Klingel ironisch darauf, dass dies kein Restaurant sei.
Spätestens, wenn einem Katja Kulakova die Tür öffnet, wird aber klar, dass man hier eben doch richtig ist. Wir sind etwas früh dran an diesem Mittwoch Mittag und haben freie Platzwahl. Egentlich hätten wir in dem schönen Speisesaal, der am hinteren Ende einen kleinen Blick auch in die offene Küche erlaubt, bei jedem Gang einen anderen Tisch besetzen können, denn wir werden auch die einzigen Gäste bleiben.
Ein angenehmer 70er-Jahre-Musikmix sowie die freundliche Atmosphäre sorgen aber dafür, dass wir uns dennoch nicht unwohl fühlen. Chef Gino Lemmens erklärt uns die Karte, die neben einigen À la Carte Gerichten auch Überraschungsmenüs in vier bis sechs Gängen bietet (79€, 99€, 117€). Für uns soll es heute die goldene Mitte mit fünf Gängen sein.
Und den Auftakt machen auch hier drei Snacks als Fingerfood. Ein Beignet mit Entenfüllung ist zwar einen Hauch zu trocken, kann aber mit orientalischen Gewürzen trotzdem überzeugen. Ein mit Creme von Schinken gefülltes Röllchen und Gel von Gepickeltem bleibt im Vergleich eher unauffällig. Den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt der dritte Snack mit einem Minibrötchen und Blutwurst. Hier dominiert herzhafte Würze mit Anklängen an weihnachtliche Aromen.
Brot und hübsch präsentierte, nicht aufgeschlagene, Butter gibt es natürlich auch hier. Beides ist von guter Qualität und vor allem das Brot macht sich gut zum Auftunken der folgenden Saucen.
Der erste Gang des Menüs präsentiert dünn aufgeschnittene Scheiben von der Rotbarbe, die wie ein Ceviche angemacht ist. Der Sud aus Passionsfrucht zeigt ein ausgewogenes Verhältnis von Säure und Frucht. Aji Amarillo, eine fruchtige Chilisorte liefert eine dezente, aber spürbare Schärfe. So unscheinbar das Gericht auf den ersten Blick wirkt, so geschmackvoll und subtil ist das abgestimmt.
Es folgt Kaisergranat, der kräftig abgeflämmt wurde und eine Auflage von Kumquatscheiben für den fruchtigen Akzent und Wagyu für den Schmelz bekommt. Das Spannendste ist aber das angekündigte Kürbis-Kimchi. Entgegen der Erwartung, hier etwas mit Biss zu finden, ist das als Püree gearbeitet, was zusätzlich zu der unerwarteten Kombination überrascht. Vor allem aber hat das ordentlich Wumms und ist sehr spicy, was mir bei Kürbis, den ich oft ziemlich langweilig finde, besonders gut gefällt. Kaisergranat und Wagyu tun sich bei so einer Aromenbombe naturgemäß etwas schwer, aber das macht mir angesichts des ungewohnten Geschmackserlebnisses nichts aus.
Der einzige Gang im Überraschungsmenü aus der À la Carte-Auswahl ist eine spannende Kombination von geräuchertem Aal und einer Farce von Kalbskopf als Terrine. Dazu gibt es einige Scheiben von Roter Bete und einer Sauce von eben dieser. Die fällt relativ mild und mit feiner Süße aus. Auch die Räuchernoten des Aals sind sehr dezent, so dass sich alle Komponenten erstaunlich stimmig zusammenfügen. Das ist nicht nur bildschön, sondern auch handwerklich fabelhaft gemacht.
Im Hauptgang geht es weiter mit vorbildlich auf den Punkt gebratener Taube. Dazu gibt es würziges Gemüse von chinesischem Brokkoli und Daikonrettich, eine Creme von Tamarillo und eine kräftige Sauce von gerösteten Erdnüssen. Separat gibt es die Keule, ebenfalls mit dieser Sauce und zusätzlich Erdnüssen und Pistazien. Nun kann man bei mir nicht viel verkehrt machen, wenn es Taube gibt. Aber hier ist sie nicht nur gut gemacht und abwechslungsreich in Szene gesetzt, sondern auch originell eingefasst.
Zum Abschluss wählen wir einmal Dessert und einmal Käse. Im süßen Part findet sich Topinambur als Creme, Kaffee als Eis und am Boden ein knuspriger, aber dennoch luftiger Keks aus Haselnüssen. Dazu gibt es einen leichten Sud, der alles subtil unterstützt. In Summe ist das sehr harmonisch kombiniert.
In der Käseauswahl finden sich drei belgische, und je eine italienische und deutsche Sorte. Die sind gut ausgesucht und gereift. Gewürzbrot, Brioche und eingelegte, karamellisierte Aprikosen komplettieren die Auswahl.
Den Abschluss des gelungenen Menüs bildet eine schöne Auswahl an Petit Fours zum Kaffee. einschließlich Fruchtgelees und frisch gebackenen, kleinen Krapfen.
Erneut durften wir einen sehr entspannten Lunch erleben, der uns auch kulinarisch zu überzeugen wusste. Ungewohnte und spannende Kombinationen, die gerne auch exotische Aromen einbinden, treffen auf traditionelles, französisches Handwerk. Dass der Michelin das „Les Années Folles“ nicht einmal erwähnt, ist angesichts der gebotenen Leistung nicht nachzuvollziehen. Die Bewertung des Gault Millau mit 15 Punkten trifft es da meiner Meinung nach deutlich besser.
In jedem Fall ist dies eine weitere empfehlenswerte Adresse in Belgiens gastronomischer Hauptstadt.
Details
| Restaurant: | Les Années Folles |
| Adresse: | Generaal Lemanstraat 31, 2018 Antwerpen |
| Öffnungszeiten: | Dienstag - Freitag: 12.00 - 14.00 Uhr & 19.00 - 21.00 Uhr Samstag: 19.00 - 21.00 Uhr Sonntag & Montag: Ruhetag |
| Website: | www.lesanneesfolles.be/ |
Schlagworte
Antwerpen, französisch, Gault Millau, Gino Lemmens, Katja Kulakova, kreativ, Les Années Folles
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