Tohru in der Schreiberei, München
Am 5. Mai 2026 in Deutschland | 59 Aufrufe
23 Stufen muss man auf der steilen Treppe in der Schreiberei nehmen, um in das Reich von Tohru Nakamura zu gelangen. Im historischen Gebäude, das bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht und ab dem 16. Jahrhundert als Stadtschreiberei genutzt wurde, finden sich heute im Erdgeschoss das zwanglose Brasseriekonzept „Bar Tatar“ und im ersten Stock einer der beiden Neuzugänge aus dem vergangenen Jahr bei den deutschen Dreisternerestaurants.
Doch bevor man seinen Platz einnimmt, wird man in die Küche geführt, wo einem die Küchenbrigade vorgestellt wird. Beachtlich dabei ist, dass ein Großteil der Mannschaft abends offenbar vor allem mit dem Anrichten der Teller beschäftigt ist.
Nach diesem kurzen, aber informativen Intermezzo geht es an den Tisch in einem der beiden Restauranträume. Die Drehsessel sind bequem, die musikalische Untermalung angenehm und der Service um Restaurantleiter Alexander Will von Anbeginn an ausgesprochen herzlich.
Das Menü (360€) weist alle Gänge gleichberechtigt aus, so dass man hier nicht, wie sonst üblich, mit diversen Grüßen startet, sondern die Menüdramaturgie gleich direkt losgeht.
Zum Auftakt wird eine Dashi auf Basis von Kombualge, Pilzen und Ozaki Wagyu serviert. Die ist sehr konzentriert und mit schöner Tiefe, was noch mal zusätzlich dadurch betont wird, dass sie dampfend heiß an den Tisch kommt. Sehr gut.
Schon mit der nächsten Kleinigkeit wird es noch komplexer, denn die Gillardeau-Auster findet sich auf Teardrop-Erbsen in einem molligen Muschelsud mit Schnittlauchöl. Hier verbindet sich Jodiges mit Warm-Fülligem, was sich im Mund sehr einschmeichelnd gestaltet.
Beim folgenden Fingerfood kommt neben Akami, dem mageren Stück vom Balfegó Thunfisch auch ein Stück aus dem Bauchlappen zum Einsatz, der aufgrund seines Aussehens Harmonica genannt ist und über einen hohen Collagenanteil verfügt. Als Tatar auf einem Dim Sum mit frisch geriebenem Wasabi sind die einzelnen Komponenten zwar gut, bringen aber ein Proportionsproblem mit. Denn je nachdem, was zuletzt im Mund ankommt, und das dürfte wohl in den meisten Fällen der Dim Sum sein, ist das sehr vorherrschend. Und so überdeckt hier die recht teigige Masse den feinen Fischgeschmack doch deutlich.
Wie uns der Service erklärt, hat Koshihikari-Reis in Tohru Nakamuras Küche einen festen Platz. Heute kommt er, gefärbt durch Azukibohnen und mit gutem Biss in einer Koji Beurre Blanc mit Kirschblüten, Bohnen und weißem Spargel. Abgerundet von einer Vinaigrette mit geröstetem Sesam ergibt dies ein vollmundiges Geschmacksbild, das gekonnt zwei Kulturen miteinander verbindet.
Im nächsten Gang spielt Ozaki Wagyu die Hauptrolle. Kurz angegrillt und dann dünn aufgeschnitten und würzig angemacht bildet es das Zentrum des Tellers. Drumherum sind Scheiben vom Pastrami vom Wagyu angerichtet. Weißes Kimchi, also ohne Chili, fällt deutlich milder aus und liefert vor allem knackigen Biss. Kaviar steuert jodige Akzente bei. Am Boden findet sich noch eine Wiener Schnittlauchsauce, die allerdings so homöopathisch dosiert ist, dass sie sich gegen das kräftige Fleisch nicht durchsetzen kann. Dennoch ist das insgesamt große Klasse, weil sich hier verschiedene Ebenen nach und nach aufblättern.
Weiter geht es mit Lachsforelle von der renommierten Fischzucht Nikolai Birnbaum. Sie wurde abgeflämmt und in Scheiben geschnitten. Darunter findet sich ein Rillette von der Lachsforelle, was für eine zusätzliche Textur sorgt wie auch die Minigurke, die direkt in die Glut gegeben wurde und neben einem dezenten Raucharoma knackigen Biss beisteuert. Eine Vinaigrette von Dashi aus den gerösteten Gräten und Kombucha mit Senfsaat und Forellenkaviar untermalt alles auf elegante, leichte und gleichzeitig kräftige Weise. Sehr spannend kombiniert.
Chawanmushi ist klassisch mit Dashi zubereitet. Für zusätzliche Tiefe hat man eine Zwiebel-BBQ dazugegeben. Geräucherter Aal, erneut von Birnbaum, ist in dünne Tranchen geschnitten, was bei diesem Gericht für ein angenehmeres Mundgefühl sorgt. Die Hauptrolle spielt aber die üppige Menge Morcheln, über die noch Zwiebeln, geräuchertes und gehobeltes Eigelb sowie Mini-Mini-Croutons für Crunch gegeben wurden. Ein Gericht mit viel Geschmack und von großer Tiefe. Klasse!
Es folgt bretonische Seezunge, die perfekt gebraten ist und wunderbar festes Fleisch aufweist. Begleitet ist sie von einer Variation von Karotte als Püree, gepickelt, Toffee und Chip. Seeigel liefert die jodig-füllige Grundierung und eine geräucherte Kaffeesauce mit Zitronenblattöl ist zwar sehr gut und buttrig, aber lässt den Kaffeegeschmack nicht wirklich erkennen. Angesichts der formidablen Fischqualität und der schönen Karotten-Variation dennoch überzeugend.
Was den Aufwand angeht, lässt auch der nächste Gang nichts vermissen. Königskrabbe wurde im Tuch gedämpft und dann in Scheiben geschnitten als Sockel für eine Scheibe vom Mairübchen mit einer Geleehaube, auf der sich gezupftes Scherenfleisch findet. Darauf wiederum eine Interpretation vom César Salad mit Parmesan und Pinienkernen. Abgerundet wird alles durch die angegossene cremige Misosuppe. Hier kommt zusammen, was vermeintlich nicht zusammenpasst. Vor allem der mediterran anmutende Salat ist ein origineller Twist, der dann doch mit den übrigen Komponenten erstaunlich gut und stimmig aufgeht.
Vor dem Fleischgang folgt eine Erfrischung in Form eines Kakigori, also japanisch geschabtem Wassereis, das mit Limettensorbet, Sake und Calpis, also Milchsirup, aromatisiert wird. So ist das säurebetont und von schönem, leichtem Geschmack.
Bei der Wahl des Fleisches im nächsten Gang geht Tohru Nakamura einen ungewöhnlichen Schritt, denn Schwein findet man nicht allzu häufig auf den Speisekarten besternter Restaurants, bei Dreisternern schon gar nicht, wo Taube, Rehrücken oder irgendwelche Luxus-Rindersorten den Ton angeben. Das Filet von den Hermannsdorfer Werkstätten ist in Koji gebeizt und anschließend gegrillt. Es ist außerordentlich aromatisch, was durch eine reichhaltige Trüffeljus zusätzlich betont wird. Dazu gibt es ein Menchi Katsu, letztlich eine Art Frikadelle, die aber mit Kalbsbries noch eine Spur feiner wird. In Panko ausgebacken wird daraus quasi ein Edel-Fleischpflanzerl, das dem schon sehr guten Filet beinahe die Schau stiehlt. Artischocken, eine geräucherte Ricottacreme, Haselnüsse und ein Cidre-Schaum runden dieses ausgezeichnete und abwechslungsreiche Gericht gekonnt ab.
Den süßen Teil des Menüs, hier mit Okashi überschrieben, leitet zunächst ein gar nicht unbedingt süßer Snack ein, in dem ein Gruyère-Mochi mit N25 Kaluga Kaviar serviert wird. Der Motchi gerät nicht so fluffig wie gedacht, so dass im ersten Moment recht viel Teig im Mund präsent ist. Aber wie sich der Geschmack dann nach und nach auffächert, ist schon erstaunlich. Nach dem Teig ist der etwas grobkörnigere Kaviar zu schmecken und dann, allerdings erst ganz zum Schluss entfaltet sich der Käse. Die Creme aus Brillat-Savarin und Tofu können wir nicht dezidiert ausmachen, aber auch so ist dies eine im positiven Sinn interessante Kombination.
Auf einem Tablett, das wie ein japanischer Garten gestaltet ist, finden sich dann verschiedene Süßigkeiten. Ein dreifach aufgegossener Tee mit Sansho, Minze und Ringelblüte begleitet ein Bananenbrot, das mit einem Cremeux bestrichen wird, der mit Pulver von der Bananenschale und einer Zuckermischung bestreut ist. Dazu gibt es ein Knusperkissen mit Rhabarber, das allerdings nicht so säuerlich ausfällt wie gedacht und ein Pâte de fruit von der Bergamotte mit Szechuan-Pfeffer und nussigem Baiser, das dann allerdings den Säurekick liefert. In jedem Fall eine wunderschöne Präsentation mit einer gelungenen Vielfalt an Kleinigkeiten.
Den Abschluss des Menüs bildet dann noch ein aufwändiges Dessert um Matchabiskuit, Pistaziencreme, ein ummanteltes Eis von Kombualge sowie ein Cannolo, der mit Erdbeere gefüllt ist. Mieze Schindler-Erdbeeren, eine Walderdbeersauce sowie geröstete Nüsse runden eine abwechslungsreiche, frühlingshafte, wenn auch gehaltvolle Kreation ab. Dass aus diesem sehr guten Dessert ein exzellentes wird, verhindert lediglich das Eis, das für meinen Geschmack zu hart und zu neutral ausfällt. Aber das ist eine Stellschraube, an der man arbeiten kann, und den positiven Eindruck zum Ende des süßen Parts kann es auch nicht schmälern.
Wenn man die Küche eines Kochs bisher nicht erlebt hat, so wie wir die von Tohru Nakamura, ist man natürlich doppelt gespannt, vor allem angesichts der hohen Auszeichnungen. Dass uns japanische Einflüsse erwarten würden, war anzunehmen, aber es wäre viel zu kurz gesprungen, die Küche darauf zu reduzieren. Nakamura kocht im Kern sehr europäisch, aber er verweigert sich einer Einordnung in irgendwelche Schubladen. Butter spielt eine ebenso wichtige Rolle wie Dashi. Wo Christian Bau in seinen japanisch inspirierten Gerichten klare Trennschärfe zu den französisch basierten zeigt, kombiniert Nakamura beides auch gerne. Das ist weder besser noch schlechter. Es ist nur anders, aber ebenfalls auf großartigem Niveau. Manche Kombinationen überraschen, die Saucen zeigen große Tiefe, die Kompositionen beachtlichen Aufwand und geschmacklich kann alles eh überzeugen.
Dass der Abend neben dem fabelhaften Essen ein großes Vergnügen ist, liegt aber ohne Zweifel auch am eingespielten und tadellosen Service, der bei aller Routine auch das genau richtige Maß persönlicher Ansprache findet.
Christian Rainer fällt dabei eine besondere Rolle zu, denn er findet zu der Küche von Tohru Nakamura die genau passenden Weine. Dass er dabei gleich zu Beginn die Vorlieben und Preisvorstellungen genau erfasst und dann in seine Begleitung einbaut, ist eine Eigenschaft, die ich sehr zu schätzen weiß. Darüber hinaus ist er ein ungemein charmanter Gastgeber, mit dem sich trefflich plaudern lässt.
Ein Praliné von Umeboshi, Schokolade und Cashew, das in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Chocolatier Kevin Kugel entstanden ist, setzt dann zum Kaffee den finalen Schlusspunkt unter einen absoluten Wohlfühlabend.
Sehr beschwingt geht es die 23 Stufen hinab zur massiven, historischen Tür, wo uns Christian Rainer aufs herzlichste in die kühle Frühlingsnacht verabschiedet.
Details
| Restaurant: | Tohru in der Schreiberei |
| Adresse: | Burgstraße 5, 80331 München |
| Öffnungszeiten: | Dienstag - Samstag: ab 19.00 Uhr Sonntag & Montag: Ruhetag |
| Website: | www.schreiberei-muc.de/tohru |
Schlagworte
3 Michelin Stars, Alexander Will, Christian Rainer, französisch, japanisch, kreativ, München, Tohru Nakamura
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