¡Toma!, Lüttich

Es gibt Restaurants, über die man, wenn man sie noch nie besucht hat, nicht allzu viel herausfindet. Das „¡Toma!“ in Lüttich ist so eines. Sowohl die Homepage als auch die sozialen Medien zeigen kaum Beispiele von Gerichten aus der Küche von Thomas Troupin, geben aber dafür mehr über die Philosophie wieder. Das Restaurant selbst trägt im Untertitel „Cuisine immersive“, was einen deutlichen Hinweis darauf gibt, dass Nachhaltigkeit ein zentrales Thema ist, ebenso wie die enge Verbindung, die man mit den Produzenten pflegt. Dass Gemüse und Fermentation dabei eine wichtige Rolle spielen, ist dann fast logisch. 

Das „¡Toma!“ ist eines von zwei Restaurants der Stadt, die mit einem Michelinstern ausgezeichnet ist, dazu auch noch mit einem grünen Stern, aber mit 17 Punkten vom Gault Millau steht es bewertungstechnisch eindeutig an der Spitze. Und da auch keine Menükarte im Internet zu finden ist, ist dieser Besuch sozusagen eine Art Überraschungstüte.

Das Restaurant liegt relativ zentral, unweit der Oper, aber etwas zurückgelagert hinter einer Basilika in einem von mittelalterlichen Mauern eingefassten Garten. Das macht es zu einer regelrechten Oase in der lebhaften Innenstadt und im Sommer lässt es sich bestimmt idyllisch dort speisen mit Blick auf die offene Gartenküche. Aber auch innen kann man dem Treiben der Küche nahezu von allen Plätzen folgen, denn die Köche sind an mehreren Stationen, teilweise auch im Restaurantraum, tätig.

Es gibt ein festgelegtes Menü zu 130 Euro, die Weinbegleitung schlägt mit 65 Euro zu Buche, die alkoholfreie Begleitung, die natürlich selbst hergestellt wird, mit nur 35 Euro. Preise, die angesichts der hohen Bewertungen mehr als überraschen. Mineralwasser taucht übrigens auf unserer Rechnung gar nicht auf. Möglicherweise ist selbst das inkludiert.

Eine Reservierung hier ist übrigens gar nicht so einfach. Beim Versuch, einen Tisch für abends zu ergattern, stelle ich fest, dass das Restaurant scheinbar auf ein halbes Jahr ausgebucht ist, was uns auch im Gespräch bestätigt wird. Mittags gibt es noch Optionen, aber auch da muss man sich ranhalten, wie wir an diesem Mittwoch feststellen, an dem das Haus ebenfalls voll besetzt ist.

Auch wenn man Wert darauf legt, dass man hier nicht von Vorspeisen, Hauptgerichten und Desserts spricht, sondern von einer Gesamtheit an Zubereitungen, startet man hier mit einigen Snacks, wie sie heutzutage landläufig ein Menü einleiten.

Ein Knusperröllchen ist mit einer Art Hackfüllung versehen und weist einen leicht zitrischen Geschmack auf. Zwischen zwei Crackern findet sich eine Creme von geräuchertem Joghurt, obenauf ein aromatisches Tatar von Haxenfleisch und Rote Bete. Ein Kohlrabiröllchen ist mit einer Creme von geräucherter Forelle gefüllt. Alle drei Happen zeigen einen typischen und harmonischen Geschmack.

Gleiches gilt für eine Tartelette mit angemachten Würfelchen von Zucchini und die im Feuer gegrillten Erbsen, die wie Edamame aus der Schale gezutzelt werden.

Nicht so überzeugend finde ich die Krokette mit Kartoffel-Brennesselfüllung, die eine etwas erdige und stumpfe Note aufweist. Gut hingegen wiederum der „Taco“ in Form eines Sauerampferblatts mit köstlich geröstetem Schweinebauch und einer Creme mit schwarzer Johannisbeere.

Schon bei den durchgehend geschmackvollen Snacks, die originell gearbeitet sind, erfährt man relativ viel über die jeweiligen Produzenten. Wenn man mehr erfahren will, bekommt jeder Tisch eine ausführliche Mappe zu allen Erzeugern, vom Gemüsebauern bis zum Hersteller des Geschirrs, ebenso zum Team. Allerdings ist das so umfangreich, dass es sich mehr für Paare eignet, die sich möglicherweise nicht mehr viel zu erzählen haben. Immerhin ist es aber auch auf deutsch vorhanden.

Das Sauerteigbrot, das im eigenen Holzofen gebacken wird, legt der Service immer wieder automatisch nach. Die Butter dazu ist mit geräuchertem Salz aromatisiert, was nur marginal, wenn überhaupt, zu spüren ist.

Brot & Butter
Brot & Butter

Als erstes Tellergericht folgt Makrele, die wie eine Ceviche gebeizt wurde und eine feste Struktur aufweist. Die Haut wurde abgeflämmt, was ihr ein etwas raues, aber nicht unangenehmes Mundgefühl verleiht. Die kleinen Tranchen ruhen auf einem Bett von feinsten Gurkenbrunoise und angegossen wird ein Gurkensud, der mit Miso von Kürbiskernen abgerundet wird. Der Fisch hat Charakter, der Sud ist gleichzeitig füllig und frisch. Ein ausgezeichneter Gang.

Geflämmte Makrele, Kürbismiso, Gurke
Geflämmte Makrele, Kürbismiso, Gurke

Weiter geht es mit blauem Hummer aus der Bretagne, der kurz überm Grill gegart wurde und dann in kleinen Stücken, zu einem Salat verarbeitet wurde. Bedeckt wird er von einem Bouquet diverser Blüten, die dem Ganzen tatsächlich eine leicht florale Note verleihen. Separat gibt es dazu eine leichte Mayonnaise, die durch das Schalottenconfit am Boden zwar eine etwas wässrige Konsistenz bekommt, aber dennoch gut zum Salat passt. Ein so ungewöhnlicher, wie wohlschmeckender Hummergang.

Hummer vom Grill, Salbei, Blumen, Karkassenreduktion, Verjus
Hummer vom Grill, Salbei, Blumen, Karkassenreduktion, Verjus

Puristisch wird Spargel präsentiert. Kräftig gegrillt mit gutem Biss bekommt er eine Auflage aus Bärlauchpesto und diversen nicht unbedingt zu identifizierenden Kräuterblättern. Die Sauce aus dem Kochsud ist leicht gebunden und mit Thymian abgeschmeckt, was ihr einen ungewöhnlichen, aber spannenden Touch gibt. Die kräutrige Einfassung gefällt mir gut, allerdings ist der Spargel zumindest bei meiner besseren Hälfte nicht sorgfältig geschält und dadurch recht holzig, was das Essvergnügen merklich einschränkt.

Gebratener Spargel, Bärlauch, Velouté
Gebratener Spargel, Bärlauch, Velouté

Als Signature Dish wird der erste Fleischgang angekündigt, bei dem in Heu geräuchertes Kalb die Hauptrolle spielt. Die Scheiben werden angerichtet auf einem hauchdünnen, knusprigen Toast, der lediglich mit Butter und Kräutern belegt ist, die von der gleichen Weide stammen, wie die Kühe und natürlich das Heu, in dem es geräuchert wurde. So wird ein rundum stimmiges Storytelling aus dem Gericht, das zudem mit schöner Textur und markantem Geschmack punktet.

Lothars Tartine - der Ausdruck der Biodiversität
Lothars Tartine - der Ausdruck der Biodiversität

Es folgt Ente, die 1 ½ Wochen trocken gereift und anschließend über Holzfeuer auf den Punkt gegart wurde. Dazu gibt es nur eine köstliche, intensive Jus auf Basis von Indiandernessel, wovon ich zugegebenermaßen noch nie gehört habe. Ob ich es geschmacklich identifizieren könnte, mag ich ebenfalls nicht beschwören, aber zusammen mit den Blüten ergibt sich eine perfekte Grundlage für das ausgezeichnete Fleisch.

Der separate Gyoza ist gefüllt mit fein gehacktem Keulenfleisch und Brennessel, darauf eine Mayonnaise und Chimichurri. Insgesamt ist das recht kräutrig und intensiv und insgesamt ganz ausgezeichnet.

Zusätzlich zum Menü kann Käse bestellt werden, wovon meine bessere Hälfte Gebrauch macht. Die fünf Sorten haben einen perfekten Reifegrad und sind gut zusammengestellt. Dazu gibt es ein frisch gebackenes Ciabatta, das als Auflage bereits das nussige Chutney enthält, das man sonst auch gern separat zum Käse gibt. Ganz in französischer Tradition der Salat, den ich bei hiesigen Käseangeboten so häufig vermisse. Wie so oft bei unseren Nachbarn eine schöne Präsentation.

Käseauswahl
Käseauswahl

Im süßen Teil geht es mit einem Baiser los, der als Kern ein Sorbet von Sauerampfer sowie eine Creme von Stachelbeere enthält. Ein säuerlich frisches, unkompliziertes Dessert mit schöner Textur.

Auch das zweite Dessert ist ähnlich leicht gestaltet mit einem flaumig-luftigen Espuma von Rhabarber und Cassis in einem hauchdünnen Cassisknusperring. Auch dieser Nachtisch präsentiert sich nicht aufwändig konzipiert, aber er ist handwerklich gut gemacht und da mir fruchtige Süßspeisen nach einem umfangreichen Menü eh lieber sind als sehr teigige oder schokoladenlastige, gefällt mir auch dieses hier sehr.

"Die konservierten kleinen Früchte von Malmedy"
"Die konservierten kleinen Früchte von Malmedy"

Ein ungewöhnlich guter, saftiger Cookie mit Salzflocken, ein Macaron mit einer Füllung, in der das nicht verbrauchte Brot verarbeitet wurde sowie eine kleine Crème Brûlée mit Heu beschließen diesen überaus gelungenen Mittag.

Mignardises
Mignardises

Auch wenn mir das umfangreiche Erzählen zu jedem Gang mitunter zu viel ist, macht es hier viel Sinn (und ist im übrigen auch gar nicht so langatmig, wie man jetzt denken mag), weil es das Konzept des „¡Toma!“ mehr als konsequent deutlich macht. Thomas Troupins Küche listet Nachhaltigkeit nicht nur als eine Eigenschaft auf, die man heutzutage eben angeben muss wie Saisonalität. Nein, die Verbindung zu den lokalen Produzenten und der Ansatz, nicht nur einzelne Produkte von dort, sondern auch Kräuter, Gemüse oder anderes aus dem selben Umfeld zu verwenden, wird sehr überzeugend praktiziert. Dass dabei der Geschmack nicht zu kurz kommt, ist eine große Stärke der Küche. Und dass die Gerichte oft sehr reduziert konzipiert sind, geht nicht auf Kosten der Komplexität.

So eigenständig sich die Gerichte präsentieren, so unkonventionell ist auch die Weinbegleitung zusammengestellt. Von so ungewöhnlichen Rebsorten wie Pinot Beurot aus dem Burgund, von der ich noch nie zuvor gehört hatte, bis zu einem Macabeu aus dem Languedoc und bekannten Namen wie Foradori oder Kracher (mit einem fabelhaften Zweigelt!) macht hier jedes Glas Spaß und wird mit viel Begeisterung vorgestellt. Das Preis-Genuss-Verhältnis für die Weinbegleitung kann nur als einzigartig bezeichnet werden.

Weinbegleitung
Weinbegleitung

Das „¡Toma!“ war für uns eine Art Überraschungsbox, da wir nicht wussten, was uns erwarten würde. Am Ende waren wir vom Essen, den Getränken, dem sehr aufmerksamen Service und dem Ambiente extrem angetan. Meine bessere Hälfte habe ich selten so begeistert erlebt. Der nächste Besuch ist deshalb schon so gut wie gebucht.

Details

Restaurant: ¡Toma!
Adresse: Boulevard de la Sauvenière 70, 4000 Lüttich
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag: ab 12.00 Uhr und ab 19.00 Uhr
Samstag: ab 19.00 Uhr
Sonntag & Montag: Ruhetag
Website: www.toma-restaurant.be

Schlagworte

, , , , , ,

Verwandte Artikel


Dein Kommentar